Von Marlies Menge

Ein paar Tage Urlaub sollten es sein, in der Altmark, im Lande Sachsen-Anhalt, in einem der neuen Bundesländer also. Nichts Besonderes, wäre nicht Michael, der sich den Urlaub so gewünscht hat. Michael, Anfang Dreißig, Rollstuhlfahrer, ist von Geburt an spastisch gelähmt. Nicht jedes Hotel, jedes Restaurant, jede Sehenswürdigkeit ist für ihn zugänglich. Das mit der Unterkunft sei kein Problem, erklärt uns die Frau, die für den Tourismus in der Region zuständig ist, und schickt uns ins eben eröffnete Hotel "Siebeneichen" am Rande von Salzwedel.

Wir sind die ersten Gäste, haben Zimmer zu ebener Erde. Die einzige Stufe wird durch eine Rampe überwunden. Das Appartement ist wie für Michael gebaut: keine Schwellen, die Türen breit, eine niedrige Badewanne, in die er sich aus dem Rollstuhl gleiten lassen kann, der Fernseher hat Fernbedienung. Hier, so eröffnet mir Michael, könne er auch ohne mich bleiben, könne mit dem Rollstuhl ins Hotelrestaurant fahren, zwischendurch baden, fernsehen, Radio hören, lesen.

Am Morgen ist der Himmel grau in grau. Es hat sich eingeregnet. Ein Wetter, um ein bißchen herumzufahren und Sehenswürdigkeiten anzuschauen, zum Beispiel die für die altmärkischen Dörfer typischen Feldsteinkirchen. Die in Tylsen trägt ein Nest, bewohnt von Störchen. Laut Reiseführer steht in der Nähe eine Schloßruine; Ruine, weil in der Nachkriegszeit Dachschindeln und anderes zum Bau von Bauernhäusern genommen wurden.

Die Kirche, deren Besuch uns am meisten empfohlen wurde, steht in Osterwohle. Die Frau des Pfarrers hilft uns über die Schwelle. Das Innere ist überwältigend: Bänke, Kanzel, Kassettendecke und Empore, alles wunderbares Schnitzwerk vor allem aus Lindenholz, entstanden im frühen 17. Jahrhundert.

Wir fahren durch den Regen, freuen uns an der altmärkischen Landschaft: Mischwälder und Felder, die einen weiten Blick erlauben, über Gerste, Mais und Rüben; Wiesen, auf denen Stuten mit ihren Fohlen weiden. Eine für Altmärker noch immer eher emotionale Sehenswürdigkeit ist die Straße, die früher, für normalen Verkehr fast völlig gesperrt, nahe an der innerdeutschen Grenze zu Niedersachsen entlangführte.

Die Reise durch die Altmark hat noch etwas von Abenteuer-Urlaub. Nicht alles ist vorgegeben und ausgeschildert. Hinweise beziehen sich nahezu ausschließlich auf Dinge, die Geld bringen sollen: "Gittis Videothek", "Heinrichs Getränkeshop". Der Urlauber muß sich seine Sehenswürdigkeiten selbst suchen, Spurensuche betreiben. So finden wir lange Zeit das Hünengrab bei Stöckheim nicht, bis eine alte Frau uns endlich den rechten Feldweg zeigt. Ausnahmen bestätigen die Regel: In Flechtlingen etwa führen Holzschilder zur Wasserburg. Wir fahren in den Innenhof, spazieren durch den Wandelgang. Das Freilichtmuseum in Diesdorf ist ebenfalls leicht zu finden. Mit dem Rollstuhl kann man an alte Bauernhäuser heranfahren, um in ihr Inneres zu sehen.