Von Gerd Fesser

Er sah aus wie eine Gestalt der germanischen Heldensage: hochgewachsen, blond und vollbärtig. Zumal in Kürassieruniform konnte er optisch sehr wohl neben seinem großen Zeitgenossen und Gegenspieler Otto von Bismarck bestehen. Doch der Anschein trog. Der Kronprinz Friedrich Wilhelm, der sich später als Deutscher Kaiser und König von Preußen Friedrich III. nannte, war nur äußerlich ein trutziger Recke. Innerlich war er voller Widersprüche, sensibel, verletzlich, beeinflußbar.

Diese Eigenschaften des 1831 geborenen Hohenzollern wurzelten in den Erlebnissen seiner Kindheit und Jugend. Vater Wilhelm und Mutter Augusta suchten den jungen Prinzen jeweils nach ihrem Bilde zu formen. Wilhelm, der einmal erster Deutscher Kaiser werden sollte, war Militär durch und durch, der altpreußischen Tradition verhaftet, ganz ohne geistige Interessen. Augusta hingegen, eine gebürtige Prinzessin von Sachsen-Weimar-Eisenach, war eine gebildete Frau mit gemäßigt liberalen Auffassungen. Der Dichterfürst Goethe, der dem Weimarer Hof eng verbunden war, hatte sich an ihrer Erziehung beteiligt und ihren "hellen Verstand" gerühmt.

Großen Einfluß auf die geistige Entwicklung Friedrich Wilhelms erlangte Ernst Curtius, der 1844 zum Erzieher des Prinzen berufen wurde. Der Philologe, ein gebürtiger Lübecker, später einer der bedeutendsten deutschen Altertumswissenschaftler, war damals dreißig Jahre alt. Er suchte dem Jungen die geronnene Lebensweisheit zu erschließen, die in den Werken so manches antiken Schriftstellers enthalten ist.

Die Revolution von 1848 wirkte dann tief auf das Gemüt des Heranwachsenden ein. Der sechzehnjährige Prinz empfand es als demütigend, daß sein Vater den Bart abrasieren und sich als Diener verkleiden mußte, um bei Nacht und Nebel aus Berlin zu fliehen. Ein sturer Konterrevolutionär wurde Friedrich Wilhelm aber keineswegs. Als sich im Jahre 1849 – er diente in Potsdam beim 1. Garderegiment zu Fuß – der General Leopold von Gerlach verächtlich über den Konstitutionalismus äußerte, wies ihn der Prinz zurecht: Es müsse doch eine Volksvertretung geben. Gerlach war kein x-beliebiger General, vielmehr das Oberhaupt der "Kamarilla" oder "Kreuzzeitungspartei", einer reaktionären Nebenregierung mit entscheidendem Einfluß auf die Politik Preußens.

Im selben Jahr wurde Friedrich Wilhelms Vater zum Generalgouverneur der Provinzen Rheinland und Westfalen ernannt. Das kam einer Strafversetzung gleich. Die hochkonservativen Politiker der "Kamarilla" mißtrauten Augusta gründlich und zweifelten auch an der Zuverlässigkeit Wilhelms. Von Koblenz aus hielt Augusta fortan festen Kontakt zu oppositionellen liberalen und liberalkonservativen Politikern.

Hochzeit an der Themse