Von Matthias Beltz

FRANKFURT. – Gleich zu Beginn muß ich gestehen: Ich bin maßlos enttäuscht. Nicht über die Entwicklung der Welt, nicht über die Wiederkehr des Bürgerkriegs in Europa oder das schlechte Abschneiden Boris Beckers im olympischen Einzel – nein, es ist der internationale Weltkommunismus, der mich enttäuscht.

Ich klage an, denn wir sind Zeugen eines Verrats, eines Jahrhundertverrats. Kommunisten und Kommunistinnen, die immer Solidarität und Kampfesmut auf ihre knallroten Banner geschrieben hatten, verraten Erich Honecker.

Was ist das für eine politische Bewegung, die bei einer kleinen Krise sofort abtaucht und einen ihrer anerkannten Führer nicht mehr schützen will?

Der Kommunismus demonstriert damit, daß er eine Ansammlung opportunistischer Geschäftemacher und saudummer Feiglinge gewesen ist, ein absolut ehrloser Haufen, dem man schon aus Selbsterhaltung nur hinterhertreten kann. Die allermeisten kapitalistischen Unternehmen, die Mafia und auch die gegenwärtig heftig beschimpften Parteien – jeder als spießig verhöhnte Schrebergartenverein zeigt mehr Ehre, als es die Kommunisten tun. Hier werden verdiente Mitarbeiter und Mitglieder geehrt, erhalten oft eine bedeutende Abfindung, ihnen wird das Altsein nicht zur Qual gemacht. Sicher geht es nicht immer gerecht zu. Manch emsiger kleiner Leistungsträger wird auch mal vergessen. Aber das ist menschlich.

Ganz anders die Kommunisten. Es ist ja bekannt, daß viele alte Kader in der immer noch real existierenden DDR wieder leitende Funktionen haben und sich bestens mit westimportierten Berufskapitalisten verstehen – gleich und gleich gesellt sich gern. Aber all diese ehemaligen Kommunisten, und zu ihnen zählen auch die sauberen Burschen und Mädels vom "Komitee für Gerechtigkeit", dieser deutsch-nationalen Selbstversorgergruppe, kümmern sich nicht um Erich Honecker. Es war doch absehbar, daß der Mann nicht in Moskau bleiben konnte. Warum hat ihn keiner befreit, warum hat ihm keiner geholfen?

Weil sie anscheinend zu nichts Anständigem fähig sind, die Kommunisten. Geld genug ist doch da, internationale Verbindungen haben sie doch en masse. Da wäre es doch ein leichtes gewesen, den Genossen Erich aus Rußland – im Geiste des revolutionären Internationalismus und der Völkerfreundschaft – rauszuschmuggeln, ihm eine neue Identität und einen ruhigen Lebensabend zu schenken.