Drehen wir uns um, schauen wir zurück: Taschen, Körbe, Hutschachteln stapeln sich im Raum. Das Dienstmädchen faltet gewissenhaft den Mätrosenanzug zusammen und packt ihn in den riesigen Reisekoffer. Die Hausfrau sucht derweil nach Sonnenhut und -schirm. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Die großbürgerliche Familie zieht um – hinaus aufs Land, hinaus an die See in die Sommerfrische, wie Urlaub früher hieß. Für Wochen, Monate manchmal gar, residierte der Clan fern von zu Hause, und am Wochenende verließ auch der Herr Papa sein Kontor und schaute vorbei. Zugegeben, wir erinnern uns an solche Begebenheiten nur aus Romanen, aus Erzählungen. Aber früher muß es wohl so gewesen sein. Man hatte noch Muße, der Muße nachzugehen. Das anstrengende Packen, die lange Bahnfahrt, da konnte man doch nicht schon nach zwei Tagen wieder aufbrechen.

Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen. Immer schneller, immer weiter, immer öfter müssen die imagebewußten Touristen unterwegs sein. Die Pilgerreise, die sich über Wochen erstreckte, ist zum sechzehnstündigen Kurztrip verkommen.

Statt wochenlang an Venedigs Lido zu weilen wie weiland zu Gustav von Aschenbachs Zeiten, jettet der genervte Großstadtmensch mal schnell für ein paar Stunden an den Canal Grande. Morgens ins Flugzeug, Stippvisite im Markusdom, einen Espresso an der Rialto-Brücke und wieder heim an den Schreibtisch.

Lümmelten sich Snobs und betuchte Müßiggänger vormals Monate in den Bistros von Paris, so steigt unsrertags der sparsame Tourist abends in den Bus, rennt den lieben langen Tag um den Eiffelturm, um abends wieder heimzufahren. Zwölf Stunden Seine, das reicht.

Reisen, so scheint es, hat längst weniger mit gemächlichem Genuß als mit atemloser Hektik zu tun: Für ein kurzes Sonnenbad im Schnee düsen wir von Hamburg auf die Zugspitze, um ein Pfund Krabben zu verputzen, leisten wir uns einen 800-Mark-Flug ins Land der Mitternachtssonne. Dabeisein ist alles, da spotte einer noch über die wieselflinken Japaner, die Deutschland in einem Tag sehen.

Und immer ist noch eine Steigerung drin: Mühte sich Phileas Fogg achtzig Tage, bis er endlich die Welt einmal umrundet hatte, so soll die Erdkugel am 12. Oktober in kaum mehr als 24 Stunden umflogen werden. 40 000 Kilometer, ein Klacks, ein Kurztrip, für den man nicht einmal eine Zahnbürste braucht – nur Geld. Für 23 800 Dollar oder 13 950 Pfund oder rund 40 000 Mark, ist zu lesen, können 75 Superschnelle einen neuen Weltumrundungsweltrekord aufstellen. So hurtig war noch keiner.

Nur das Reisegefährt, die Concorde, ist noch nicht in der Kondition, alles auf einen Rutsch zu schaffen. Deshalb muß sie etwa in Acapulco, Guam oder Dhahran zum Tanken stoppen, bevor es auf Rekordjagd im Überschalltempo weitergeht.

Wo die Maschine runtergeht, kann den Jet-settern letztlich egal sein. Denn bei dem prestigeträchtigen Rundflug fürs Guinnessbuch sind sie ohnehin zum Sitzenbleiben im Flugzeug verdonnert: Unterwegs sein ist alles. Monika Putschögl