Von Klaus Hartung

Wir haben den Völkermord vor Augen, werden verfolgt von Bildern der Lager, bedrängt von den neuen Namen des Schreckens: Omarska, Manjača, Sanski Most, um den Schlaf gebracht von den Berichten der Überlebenden. Doch der Krieg in Bosnien provoziert im Musterland der Betroffenheit weder leidenschaftliche Entschiedenheit, noch eine Beschleunigung der politischen Willensbildung.

In immer fahrigerer Erregung werden Lösungsmöglichkeiten der "Balkankrise" ausgetauscht – als ob es um Lösungen gehe und nicht um das Einhalt-Gebieten. In der Woche, in der die Folterlager, die Meldungen von Massenerschießungen die Schlagzeilen beherrschten, vertraute sich die SPD dem Terminplan des Verfassungsgerichtes an; wurde die Unterstützung der serbischen Friedensbewegung gefordert; redete man über einen internationalen Gerichtshof, über die Stärkung der Vereinten Nationen und ihre Reform.

Die Friedensbewegung forderte unter dem Titel "SOS-Rutschgefahr" ein "Moratorium gegen Schnellschüsse bis zur nächsten Bundestagswahl", ohne die serbische Aggression auch nur zu erwähnen. Es läßt sich trefflich streiten, wenn man keinen Gedanken an die Rechtzeitigkeit verwendet. Die Zeit, die die Menschen in Bosnien nicht haben, verbraucht die deutsche Diskussion gern.

Bemerkenswert ist dabei, daß nicht so sehr über die politischen Ziele der Intervention, sondern sofort über deren militärische Risiken gestritten wurde; ein militärtechnischer Streit, durch den die spezifische politische Natur des Krieges verschleiert wird. Frappierend ist da die Seelenverwandtschaft zwischen sozialdemokratischen, grünen und friedensbewegten Verdammungen eines militärischen Eingreifens und den Warnungen der Militärs. Der grüne Bundesvorstand berief sich auf die "eindeutigen Warnungen der ‚Profis‘ aus dem Bereich der UN und Nato-Militärs vor einem europäischen Vietnam‘" wie auf ein Dogma. In einer öffentlichen Debatte der Hamburger Grünen kam es erst dann zur offenen Erregung, als ein Diskutant den Sachverstand der Militärs anzweifelte.

Dabei ist der politische Sinn der militärischen Expertisen offenkundig. Die Militärs warnen und halten ihren Regierungen den Rücken frei. Das Pentagon beschwört ein zweites Vietnam, weil die Amerikaner nicht vorangehen wollen. Die zögerlichen Westeuropäern können sich ihrerseits auf die Warnungen des Pentagon berufen.

Gerd Schmückle, General außer Diensten, hat kürzlich die Rhetorik der Aussichtslosigkeit, getragen von militärischer Autorität, vorgeführt. Er endet: "So bitter das klingt, der Krieg wird ausbluten müssen, bis den Leuten die Waffen aus der Hand fallen." .Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein stimmt diesem Satz zu und verweist in fatalistischer Pose auf die Blutspur der Geschichte des Balkans und der Welt überhaupt. Schmückles Satz ist grauenhaft und bezeichnend zugleich, nicht nur weil da die Metapher vom Ausbluten von der blutigen Wirklichkeit überholt und verdeckt wird, wer vor allem "ausblutet". Es sind die Muslime Bosniens. Ihnen fallen die Waffen aus der Hand, nicht aber den Serben die Jagdbomber und die Panzer.