ZEIT: Sind, ein Jahr nach dem Zerfall der Sowjetunion, auch im Kaukasus Anarchie und Chaos die Erben des Kommunismus?

Schewardnadse: Die Unabhängigkeit hat die Völker überrascht. Unsere Gesellschaften sind überfordert. Es ist nicht leicht, so etwas über die eigene Nation zu sagen: Unsere politische Kultur hatte diese falschen Entwicklungen möglich gemacht. Nachdem die Völker zu sich gefunden hatten, glaubten sie leider, ihre Lage nur mit Hilfe der Gewalt verbessern zu können. Und das hat alles nur noch schlimmer gemacht. Aber ich werde von meinem Weg nicht abweichen: Achtung der Menschenrechte, Garantie eines nationalen Kompromisses und Friedens, damit sich eine demokratische Gesellschaft entwickeln kann.

ZEIT: Das haben Sie ähnlich auch in Ihrem Manifest zur nationalen Versöhnung versprochen.

Schewardnadse: Ich habe darin alle nur möglichen Konzessionen gemacht. Wir haben den Anhängern des Ex-Präsidenten Gamsachurdia vergeben. Und wie Sie gut wissen, ist das nicht gerade weltweit die Praxis. Wir haben auch jene, die noch im Juni einen Staatsstreich versuchten, aus den Gefängnissen entlassen – selbst die, die schwerer Verbrechen beschuldigt worden waren. ZEIT: Aber täglich werden die Kämpfe zwischen Ihrer Regierung und den Anhängern Ihres Vorgängers blutiger und brutaler.

Schewardnadse: Ja, viele scheinen mein Manifest nicht einmal gelesen zu haben. Statt dessen wurden Vertreter meiner Regierung, die zu friedlichen Verhandlungen aufgebrochen waren, gekidnappt. Sie sprengen Eisenbahnbrücken. Und in Ossetien wurden in einer Nacht sieben unserer Soldaten ermordet. Aber das heißt doch nur eins: Diese Kräfte sind nicht länger politische Kräfte. Es sind nur noch Banditen und Terroristen. Also was sollen wir tun? Wir können doch nicht warten, bis sie alles zerstört haben. Wir dürfen nicht kapitulieren.

ZEIT: Hat der Staat in Georgien überhaupt noch die Lage unter Kontrolle?

Schewardnadse: Ich bin jetzt bereit, Gewalt zu gebrauchen und im Rahmen des Rechts Ordnung zu schaffen. Wir haben die Kraft dazu. Und leider bin ich jetzt gezwungen, dies zu beweisen. Denn es ist gegen meine Prinzipien, überhaupt Gewalt anzuwenden. Dies ist das erste Mal in meiner politischen Karriere, daß ich jetzt den Einsatz von Gewalt unterstütze. Denn ich glaube, dies ist das kleinere Übel gegenüber nutzlosen Konzessionen und endlosen Verhandlungen.