Der Sechsunddreißiger ist ein Schnellbus. Erste Klasse also. Die kürzeste Fahrt kostet 3,60 Mark. Man steigt gern ein. Der Sechsunddreißiger bedient die Hamburger Elbvororte.

An der Grenze zwischen St. Pauli und Altona steigen zwei Personen zu, eine ältere Dame mit flottem Hut und vornehmer Blässe und ein junger Farbiger in abgetragenen Turnschuhen und abgewetzter Windjacke. Gemeinsam haben sie schon viele Minuten auf den Bus gewartet, der sich, wie so oft nachmittags, verspätet hat.

Der Busfahrer läßt die Dame anstandslos passieren. Vom farbigen Fahrgast verlangt er die Fahrkarte. Das ist nun Pech. Seine Monatskarte gilt nicht zur Rush-hour zwischen 16 und 18 Uhr. Laut Fahrplan hätte der Bus aber lange vor 16 Uhr an der Haltestelle sein müssen. Der Fahrer reagiert scharf. "Ihre Karte gilt jetzt nicht. Sie müssen den Bus verlassen", bestimmt er. Der Fremde versteht nicht recht. "Verlassen Sie den Bus!" Der Finger zeigt nach draußen. Die Geste wird verstanden. Die Fahrt kann weitergehen. Sie könnte.

"Dann müssen Sie mich auch rauswerfen. Ich habe die gleiche Monatskarte", verlangt nun die Dame mit der vornehmen Blässe. Der Fahrer schluckt. Er glaubt ihr nicht. Fragt nach einer Pause höflich: "Darf ich bitte Ihre Karte sehen?", wohl hoffend, daß dies nicht wahr sein möge. Doch sie hat recht.

Nun will, nun muß er Gerechtigkeit walten lassen. Sonst gilt er womöglich als Ausländerfeind. In fast entschuldigendem Ton sagt er: "Sie müssen jetzt bezahlen oder aussteigen." Doch die Dame denkt gar nicht daran. Erstens: Wäre der Bus pünktlich gewesen, hätte die Monatskarte gegolten. Zweitens: "Sie können gern meine Adresse haben, aber zahlen tue ich nicht." Es geht ihr keineswegs ums Geld. "Hier mein Personalausweis" – freundlich, aber bestimmt streckt sie das amtliche Papier vor. Verspätungen habe die Verkehrsgesellschaft zu verantworten. "Ich kann morgen selbst zum Verkehrsverbund gehen", macht sie einen Vorschlag zur Güte. Der Fahrer lehnt ab, nicht ahnend, daß er damit seine letzte Chance zum Einlenken verpaßt.

Er stellt den Motor ab, ruft die Zentrale. Die ruft zurück und meint auch: Entweder sofort bezahlen oder sofort aussteigen. Hinten wird es langsam unruhig. "Fahren Sie sofort weiter, ich brauche meine Fähre", drängt eine Frau. "Die da vorne soll endlich aussteigen", findet ein Herr. "Wie heißt der Mann in der Zentrale, ich zeig’ ihn an wegen Freiheitsberaubung!" ruft ein anderer. Die, die ihre Fähre haben will, zählt kurz durch: "Wir sind neunzehn. Wenn jeder zwanzig Pfennig zugibt, können wir die Fahrkarte für die Dame zahlen." Die will aber nicht.

Draußen fließt der Verkehr vorbei. Der Fahrer hält über Sprechfunk die Verbindung und verkündet jeweils die letzten Anordnungen der Zentrale, denen er sich unterwirft, nach hinten: "Jetzt wird die Polizei geholt", sagt er siegessicher, und wenig später: "Die Dame muß für den gesamten Betriebsschaden aufkommen." Der ist nun schon erheblich: Mittlerweile ist der Anschlußbus, auch verspätet, aufgelaufen. "Tür auf, Tür auf, Tür auf!" skandieren einige der Eingeschlossenen. Der Fahrer zögert einen Moment. Doch dann läßt er die Mitteltür aufspringen – die aufgebrachte Menge stürzt hinaus und rettet sich, wie Schiffbrüchige aufs herbeigeeilte Rettungsschiff, in den Anschlußbus.