Herr Huber, Sie halten die Sparziele des Bonner Gesundheitsministers grundsätzlich für richtig, aber kritisieren sie zugleich als Systemkosmetik. Wie paßt das zusammen?

HUBER: Die Krise der Medizin ist eine Folge des falschen Menschenbildes, des Bildes von der Körpermaschine. Das schlägt sich in Strukturen und Verhaltensweisen nieder: So fördert unser Honorarsystem die Ausweitung von Einzelleistungen und den Krankenstand. Immerhin werden achtzig Prozent der Ausgaben durch Ärzte gesteuert. Bauen wir hier Fehlentwicklungen ab, könnten wir mehr einsparen, als Seehofer vorsieht.

Sie haben dazu Vorschläge gemacht. Wie lauten die?

HUBER: Wenn wir das Gebot der Solidarität in unserer Sozialstaatsphilosophie ernst nehmen, muß die Risikokonkurrenz zwischen den Krankenkassen durch einen Risikoausgleich abgebaut werden. In der ambulanten Versorgung müssen wir die ärztlichen Leistungen nach Stunden vergüten. Der gute Arzt, der sich Zeit nimmt, wird dann verläßlich honoriert, nicht aber die Apparatemedizin. Außerdem muß der Arzneimittelkonsum gedrosselt werden. Wir haben es mit einer fehlgeleiteten Tablettengläubigkeit wie auch mit einem fahrlässigen Verordnungsverhalten zu tun. Hier liegt ein Sparpotential von zwölf bis zwanzig Milliarden Mark.

Klammern Sie die Krankenhäuser aus?

HUBER: Keineswegs. Die Finanzierung über Pflegesätze verhindert Innovation und eine am Patienten orientierte Betreuung. Eine vorübergehende Deckelung der Krankenhausausgaben kann sinnvoll sein, wenn neue Impulse für bessere Krankenversorgung unter Einbeziehung ambulanter und teilstationärer Betreuung kommen. Das Krankenhaus Herdecke zeigt, daß es mit geringeren Patientenkosten im Vergleich zu anderen Häusern eine qualitativ bessere Versorgung bieten kann. Wie hoch ist das Einsparvolumen Ihres Konzepts?

HUBER: Ich schätze es auf mehr als fünfzehn Milliarden Mark, wobei der größte Spareffekt bei der Zurückführung des unnötigen Arzneimittelkonsums liegt. Hier kann auch eine Selbstbeteiligung eingesetzt werden, aber nur als sozialpädagogisches Instrument. Nicht der Kranke soll belastet werden, sondern der Gesunde, der unvernünftige Wünsche hat.