Mit Thüringen als Schlußlicht hat jetzt in allen neuen Bundesländern das neue Schuljahr begonnen – ein Anfang, der in der deutschen Schulgeschichte wohl nicht seinesgleichen hat. Unter enorm schwierigen Bedingungen ist im Osten eine gänzlich neue Schullandschaft entstanden. Nachdem das vergangene Schuljahr überall noch deutlich Experimentiercharakter hatte, wird es jetzt ernst. Nun muß sich zeigen, wie tragfähig die Vorarbeit war, die nach der Wende im Schulbereich geleistet wurde.

Auf den ersten Blick ist die Bilanz durchaus eindrucksvoll. Jedes Land hat per Gesetz oder Verordnung einen eigenen Weg eingeschlagen; Nur das Gymnasium und die Grundschule sind allen neuen Bundesländern gemeinsam. Im Bereich der Sekundarstufe I aber wird stark differenziert. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist die Sekundarstufe zweigliedrig. Sie besteht einmal aus dem Gymnasium (Klasse 5 bis 12) und dann einer weiteren eigenständigen Schulform (Klasse 5 bis 9 oder 10), die in Sachsen "Mittelschule", in Sachsen-Anhalt "Sekundärschule" und in Thüringen "Regelschule" heißt. Brandenburg ist einen eigenen Weg gegangen. Hier baut auf der sechsjährigen Grundschule eine formal dreigliedrige Sekundarstufe I mit Gymnasium, Gesamtschule und Realschule auf. Außerdem dauert das Gymnasium dreizehn Jahre und nicht zwölf. Allein Mecklenburg-Vorpommern orientiert sich ganz am westlichen Schulmodell.

Die Konzepte stehen, der Rahmen ist abgesteckt, aber der Erfolg ist noch keineswegs sicher. Der Start war immens schwierig, die Aufgaben der frischgebackenen Schulminister, durch die Bank Laien, die mehr Engagement als Know-how mitbringen, schien schier unlösbar.

Da gab es unbezahlbar viele, zum Teil falsch oder unqualifizierte und ideologisch belastete Lehrer, da fehlte es am elementaren Arbeitsmaterial und an Schulräumen, da mußten Lehrpläne ersonnen, Schulgesetze entworfen und Strukturpläne erstellt werden. Nebenher mußte ein ganzer Schulverwaltungsapparat entstehen. Kein Wunder also, daß die Übergangsphase des letzten Jahres teilweise von chaotischen Zuständen begleitet war.

Mitunter haben westliche Bildungsfunktionäre dabei eine recht unrühmliche Rolle gespielt und rücksichtslos ihre politischen Claims im unerschlossenen Ossiland abgesteckt. Alte, abgehangene Weststreitigkeiten, wie die ewige Gesamtschuldebatte oder der Glaubenskrieg um das zwölfte oder dreizehnte Schuljahr, wurden in die neuen Bundesländer importiert und verunsicherten dort zusätzlich die ohnehin schon zukunftsängstlichen Schüler, Eltern und Lehrer.

Sie alle nehmen ihre Ängste nun mit in das neue Schuljahr. Zu der berechtigten Sorge um all die weiterhin ungelösten Probleme und die unkalkulierbare Entwicklung des Bildungssystems in den neuen Bundesländern kommt eine tiefere, diffuse Angst vor der Unüberschaubarkeit von Innovationen hinzu. Im Westen ist man schlecht und recht daran gewöhnt worden, daß sich die Grenzen von Pluralität und Chaos bis zur Unkenntlichkeit verwischen. In der DDR aber herrschte vierzig Jahre lang eine monolithische Schulstruktur, in der jeder immerhin wußte, woran er war.

Für Behutsamkeit, für eine nachdenkliche Angleichung hat es auch bei der Schulreform in den neuen Bundesländern keine Zeit, keine Schonfrist gegeben. Es ist nicht schwer vorauszusagen, daß sich die Anfangsfehler langfristig auswirken werden. Es wäre schon viel erreicht, wenn die Weichenstellung im ersten "wirklichen" Schuljahr halbwegs in die richtige Richtung ginge.

Sabine Etzold