DORTMUND. – Beim Betreten der engen Zweizimmerwohnung schlägt einem dicke Luft entgegen, eine Mischung aus Schweiß, Kochdunst und Zigarettenqualm. Die Altbauwohnung im Dortmunder Norden hat keine Diele und kein Bad, die Toilette liegt eine halbe Etage tiefer. Vom Treppenhaus tritt man direkt in die Wohnküche, eine zweite Tür führt ins Schlafzimmer. Hier wohnen seit einigen Wochen zehn Flüchtlinge aus der ostbosnischen Stadt Goražde: die über siebzigjährige Devlija Koso mit zwei Töchtern und einer Schwiegertochter sowie sechs Enkelkindern im Alter von fünf bis zwanzig Jahren. An die 6000 Flüchtlinge aus Kroatien und Bosnien wohnen so in Dortmund, sagt der Sozialarbeiter Rolf Iltz von der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Die meisten sind bei bosnischen Gastarbeiterfamilien untergekommen. Doch die Aufnahmefähigkeit dieser rund 7200 Familien sei nun erschöpft, sagt Iltz: "Da liegen mittlerweile die Nerven bloß."

Devlija Koso und ihre Verwandten haben es dabei noch vergleichsweise gut getroffen. Sie müssen die Wohnung nicht auch noch mit dem Wohnungsinhaber, einem Gastarbeiter aus ihrer Heimat, teilen. Er fuhr kurzerhand in Urlaub, verlangte aber, daß die Flüchtlinge bis zu seiner Rückkehr eine andere Bleibe gefunden haben.

Devlija Koso und ihre Töchter machen nicht den Eindruck, als hätten sie nun das Schlimmste hinter sich. Nervös stecken sie sich eine Zigarette nach der anderen an. Am meisten pafft Oma Koso, wobei die vornehmen Damenzigaretten mit den langen Filtern einen bizarren Kontrast zu ihrem faltigen Gesicht mit dem zahnlosen Mund und dem weißen Kopftuch bilden.

Die Frauen versuchen, die Ereignisse in Goražde und ihre Flucht zu schildern. Aber alles gerät durcheinander. Offenkundig sind sie noch nicht dazu gekommen, das Erlebte zu ordnen und zu verarbeiten. Sieben Tage lang hätten sie sich von Goražde durch die Wälder an die Adriaküste in Montenegro durchgeschlagen, erzählt Devlija Koso. Von dort seien sie mit einer Fähre nach Bari in Süditalien weitergefahren.

Währenddessen schildert die Schwiegertochter Fatima amüsiert, daß sie mangels Deutschkenntnissen im Supermarkt schon oft danebengegriffen und etwas völlig Falsches eingekauft habe. Sie möchten so schnell wie möglich Deutsch lernen, sagen die Frauen. Schließlich wollen sie ja auch rasch eine Arbeit finden. Ein zerfleddertes jugoslawisches Deutsch-Lesebuch aus dem Jahr 1972 haben sie mitgebracht.

Banales und Ungeheuerliches wechseln sich in den Erzählungen ab. Fast beiläufig berichtet Devlija Koso, während sie sich wieder eine Zigarette anzündet, daß ihr Cousin von Tschetniks, serbischen Freischärlern, mit ausgebreiteten Armen an ein Holzkreuz genagelt worden sei. Dann hätten sie ihm mit einer Zange Streifen für Streifen das Fleisch vom Leib abgezogen. "Ein paar Stunden hat er noch überlebt." Ja, und auf dem Sportplatz neben ihrem Haus, wirft Schwiegertochter Fatima ein, hätten Serben mit dem Kopf eines getöteten Bosniers Fußball gespielt. Für einen Moment breitet sich Schweigen aus. Von ihren Männern und Söhnen, sagt Devlija Koso schließlich, hätten sie seit ihrer Flucht nichts mehr gehört.

Rolf Iltz von der AWO sucht derzeit eine dauerhafte Unterkunft für die Kosos. Sie werden nicht zusammenbleiben können. Rund siebzig Wohnungsangebote aus der Dortmunder Bevölkerung sind bei Iltz eingegangen, etwa ebenso viele waren es bei der Caritas. Diese Hilfsbereitschaft findet der Sozialarbeiter zwar "toll", aber sie reicht bei weitem nicht – abgesehen davon, daß die meisten keine Großfamilie, sondern lediglich ein Waisenkind aufnehmen wollen. Iltz: "Am liebsten ein Baby mit Schußwunde."