BRANDENBURG. – Eigentlich sollte vergangene Woche Groß Kölpins Bürgermeister in einem halbwegs feierlichen Akt seine Verwaltungsunterlagen an den Amtsdirektor von Gerswalde ausliefern. Damit wäre das neue Amt im Kreis Templin perfekt gewesen. Statt dessen übergab er einen Protestbrief mit der Weigerung, den Anschluß des brandenburgischen Dörfchens an das ungeliebte Verwaltungsgebilde hinzunehmen. Ähnliches spielt sich derzeit in allen östlichen Bundesländern ab. Die kommunale Verwaltungsreform kommt nicht zum Abschluß, Gemeinden machen mobil und drohen nicht nur mit dem Weg vors Gericht. Effizienz und Bürgernähe in einer neu organisierten Verwaltung schwebte den Beamten und Politikern in den neuen Bundesländern vor, als sie ihre Amtsordnungsgesetze erdachten. Arbeitsplatzabbau und Willkür werfen die Kritiker ihnen vor.

Die neue Vorschrift verlangt den Zusammenschluß von wenigstens fünf Orten zu einem Amt mit mindestens 5000 Einwohnern. Allein in Brandenburg verteilen sich zweieinhalb Millionen Leute auf 1670 Gemeinden, die wiederum weit über das große, aber dünnbesiedelte Bundesland verstreut liegen. Ein paar hundert Bewohner pro Dorf sind die Regel; nicht selten findet man zwischen Wald und Feld Siedlungen mit kaum mehr als zwanzig Menschen. Identität bewahren heißt auch hier das kämpferische Motto gegen die Zusammenlegungspläne. Hin und wieder zu Recht, etwa wenn eine Gemeinde nach anfänglicher Euphorie merkt, daß der größere Partner versucht, sich alle Finanz- und Fördermittel unter den Nagel zu reißen. Nicht selten aber sind Nachbarschaftsneid und traditionelle dörfliche Borniertheit Grund für den Ärger. Und hinter dem Argument, Arbeitsplätze erhalten zu wollen, versteckt so mancher Bürgermeister seine Angst um die eigenen Pfründe. Die Kleinstadt Lychen beispielsweise besteht darauf, daß sie vor Hunderten von Jahren ein bedeutender Handelsplatz gewesen sei und ihr darum Selbstbestimmung und Ämterfreiheit zustehe. Man werde sich der neuen Arroganz der Macht zu wehren wissen, warnt auch die Glienicker Bürgermeisterin aus dem Kreis Oranienburg. Sie will die Zusammenlegung ihres 4600-Seelen-Dorfs mit der Nachbargemeinde Schildow verhindern.

Eine ganze Reihe ihrer Amtskollegen war uneigennütziger. Angesichts der katastrophalen Finanzlage reduzierten sie schon vor Monaten die Verwaltungsstellen auf eine Halbtagssekretärin, versetzten sogar sich selbst in ehrenamtlichen Status und arbeiteten mit größeren Nachbargemeinden zusammen. Vor zwei Jahren verließ Hans-Joachim Stahl wütend sein Bürgermeisteramt im uckermärkischen Boitzenburg, obwohl er nach der Wende mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt worden war. Seine Bemühungen, die Verwaltung zu rationalisieren und im Gemeindeverbund mit anderen Orten zusammenzuarbeiten, hatte man als persönliches Machtstreben diffamiert. Der Nachfolger, ein integrer Lehrer, erwies sich in Verwaltungsangelegenheiten als unerfahren und glücklos. Inzwischen ist Stahl zurückgekehrt: als Verwaltungsdirektor des ausgedehnten Amts Boitzenburg.

Im Fall von Groß Kölpin geht es vordergründig um eine Anbindung an die wesentlich verkehrsgünstiger gelegene (Noch-)Kreisstadt Templin, im Grunde aber um Verfahrensweisen: Auf den Wunsch des Gemeinderates hatte das Ministerium nicht reagiert, von dessen Zuordnungsplänen erfuhren die Bürger nur aus der Zeitung. Erst einen Tag vor der angeordneten Übergabe kam ein Schreiben mit der lapidaren Aufforderung, die Ortsdokumente auszuliefern. "Das ist wie zu Erichs Zeiten", schimpft einer der Gemeinderatsabgeordneten.

Brandenburgs Innenminister Alwin Ziel dagegen spricht von einem "Jahrhundertwerk". Er meint die Bedeutung der Reform, die er schon Ende Juni abgeschlossen haben wollte. Damit die Bezeichnung nicht auch deren Dauer beschreibt, drückte er Ämterbildungen notfalls per Anweisung durch. Inzwischen zwingt ihn die Renitenz einiger Gemeinden zu Zugeständnissen. Er genehmigt schon mal ein Amt, bei dem eine Handvoll Einwohner an den geforderten 5000 fehlen, nur vier Gemeinden die geforderte Einwohnerzahl vorweisen oder die gegenwärtigen Kreisgrenzen überschritten werden. Sein neuer Stichtag ist der 30. September.

Auf den Templiner Landrat Roland Resch ist Alwin Ziel nicht gut zu sprechen. Zwar befürwortet Resch die Verwaltungsreform, kritisiert aber deren übermäßige Eile, denn die schränkt zwangsläufig die Bürgermitbestimmung ein und führt zu den berüchtigten Entscheidungen am grünen Tisch. Für den größten Fehler hält Resch, dem Osten das alte westdeutsche Verwaltungsgebilde unverändert überzustülpen, statt es großzügig von unten nach oben zu bauen. Die notwendige Reform des Verwaltungsstaats Bundesrepublik mit seinen zu kleinen Ländern werde so hinausgezögert und die Chance vergeben, sich auf europäische Strukturen vorzubereiten.

Vorläufig unterstützt der Landrat Bestrebungen, eine effektive Verwaltung mit möglichst viel Bürgernähe zu verbinden. Er wünscht sich zum Beispiel feste Sprechstunden mit gleichbleibenden Ansprechpartnern in den Gemeinden. Während das reichere Thüringen zwischen den Verwaltungsbehörden ein nagelneues Computernetz installiert, um den Informations- und Antragsstau abzubauen, muß Resch auf ABM-Kräfte und ehrenamtliche Helfer setzen, die den überforderten Ostbürgern über die Klippen des ungewohnten Verwaltungs- und Formularwirrwarrs helfen sollen.

Dabei ist die kommunale Verwaltungsreform nur das Vorgeplänkel. Spätestens bis zur nächsten Wahl 1994 wollen die fünf Innenminister noch die Gemeinde-Gebietsreform und eine Kreisreform vom Tisch haben. Von den rund 7500 Kommunen und den 200 Kreisen in Ostdeutschland werden dann voraussichtlich mehr als die Hälfte auf der Strecke bleiben. Man wird sich mit nostalgischer Wehmut an die harmlosen Querelen von heute erinnern. Ernst-Michael Brandt