Von Peter L. Münch

Wills, das ist heute nicht mehr nur irgendein Stadtteil der Drei-Millionen-Metropole Melbourne; der Name steht seit kurzem für eine der größten Pleiten der Altparteien des Fünften Kontinents.

Anfänglich wollte es in Canberra an diesem Abend noch niemand so richtig glauben, doch als die erste Auszählung der Stimmen abgeschlossen war, wurde es zur Gewißheit: Ein unabhängig kandidierender Fußballstar hatte bei den Nachwahlen in Wills den Bewerbern von Regierung und Opposition eine empfindliche Niederlage beigebracht. Rund 43 Prozent der Erststimmen waren auf Phil Cleary entfallen, den die meisten Australier bisher nur aus den Sportsendungen des Fernsehens kannten.

Der Kandidat der regierenden Labor Party hatte gerade 29,5 Prozent erreicht, das konservative Parteienbündnis aus Liberal Party und National Party mußte sich mit 26,9 Prozent zufriedengeben.

Angetreten war Cleary mit einem ebenso kurzen wie prägnanten Slogan: "Für soziale Gerechtigkeit in Australien". In Wills, einem Wahlkreis, der von der Rezession besonders hart getroffen wurde, fiel eine solche Forderung auf fruchtbaren Boden. Die Arbeitslosenquote liegt in diesem industriell geprägten Vorort bei zwanzig Prozent; unter den jugendlichen Schulabgängern ist heute fast jeder zweite ohne Job.

Premierminister Paul Keating und Oppositionsführer John Hewson hatten von Testwahlen mit bundespolitischer Bedeutung gesprochen. Beide waren nach Melbourne gereist, um den Menschen dort zu erklären, wie sie das Land aus der Krise führen wollen. Doch konnten sie die Wähler nicht überzeugen.

Vor allem unter den landesweit fast eine Million Arbeitslosen macht sich eine spürbare Enttäuschung breit über den sozialpolitischen Kurs des neuen Labor-Premiers. Noch anläßlich seines Amtsantritts im Dezember 1991 hatte er, angesichts einer Arbeitslosenquote von elf Prozent, ein umfangreiches Sozialprogramm versprochen. Doch als Keating sein Konzept im Februar dem Parlament vorstellte, war es auf einen einzigen Punkt zusammengeschrumpft: Eine Erhöhung des Kindergeldes um wöchentlich umgerechnet knapp vier Mark.