Von Gisela Dachs

Frauenchiemsee

Die Benediktinerinnern lauschten andächtig, als im Innenhof ihres Klosters Renate Schmidt den "Verfassungskonvent der Frauen" eröffnete. "Durchsetzungsstrategien" wollte die Bundestagsvizepräsidentin entwickeln, um die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu verwirklichen. Artikel 3 und Artikel 6 des Grundgesetzes seien reformbedürftig, nicht aber Artikel 12, der die Frauen vom Wehrdienst ausschließt. Zwar sollten Frauen stärker als bisher an den Entscheidungen über militärische Angelegenheiten beteiligt werden, "dafür müssen wir aber nicht mit einem Gewehr herumrennen".

Da stöhnte Alice Schwarzer auf, murmelte ein leises "Jetzt reicht’s mir aber". Aus ihrer Sicht sollten "Menschen" überhaupt den Kriegsdienst verweigern, nicht nur Frauen. Statt "mit den Wölfen zu heulen", sollten sie der "bombenwütigen Männergesellschaft" in den Arm fallen.

Daß es auf diesem Verfassungskonvent schwierig sein würde, die unterschiedlichen Vorstellungen auf einen einfachen Nenner zu bringen, war keine große Überraschung. Zweihundert Damen – Länderministerinnen, Senatorinnen, Parlamentarierinnen, Professorinnen, führende Vertreterinnen der Wirtschaft, der Landfrauen, des Deutschen Frauenrats – waren vorige Woche der Aufforderung der SPD-Bundestagsabgeordneten Ulla Schmidt gefolgt, "ihre Visiön für die Zukunft Deutschlands" zu umreißen. Außer der FDP-Abgeordneten Margret Funke-Schmitt-Rink hatte sich niemand aus der Bonner Regierungskoalition auf die Fraueninsel begeben. Auch Hans-Ulrich Klose fehlte – als einziger Mann hatte er mit auf die kleinere Insel im "bayerischen Meer" geladen.

Die Idee an sich war originell: "Von Herrenchiemsee 1948 nach Frauenchiemsee 1992 – Elisabeth Seiberts Enkelinnen auf dem Weg vom Grundgesetz zur ersten gesamtdeutschen Verfassung". Vor 44 Jahren hatten die von den Alliierten ermächtigten Ministerpräsidenten einen "Verfassungsausschuß" eingesetzt, der zwei Wochen lang auf der Insel Herrenchiemsee tagte. Die 31 Experten waren allesamt Männer. Auch im siebzigköpfigen Parlamentarischen Rat befanden sich nur vier Frauen, darunter Elisabeth Seibert. Die Sozialdemokratin mobilisierte damals die Öffentlichkeit für ihre Forderungen – und triumphierte. Am 18. Januar 1949 wurde der schlichte Satz in den Artikel 3 des Grundgesetzes aufgenommen: "Mann und Frau sind gleichberechtigt".

Diese "Erschleichungsformel", wie die ehemalige Ministerin Eva Rühmkorf feststellte, reiche zur tatsächlichen Gleichstellung nicht aus. Um künftig nicht mehr "von der interessengeleiteten Auslegung des Grundgesetzes abhängig zu sein", müsse der Artikel 3 ergänzt werden: "Der Staat ist verpflichtet, die Gleichstellung von Frauen und Männern in allen gesellschaftlichen Bereichen herzustellen und zu sichern. Zum Ausgleich bestehender Ungleichheiten sind Maßnahmen zur Förderung von Frauen zulässig." Die hessische Frauen- und Arbeitsministerin Heide Pfarr, die einen ähnlichen Vorschlag formulierte, hält diese Forderung für "konsensfähig" – auch CDU-Frauen dächten in diese Richtung.