Die unverschämt niedrigen Zinsen für Sparbücher sind zu einem Ärgernis ersten Ranges geworden. Nachdem Kleinsparer schon seit Jahren dreist ausgenommen werden, hat sich vor einigen Wochen endlich eine Behörde der Sache angenommen: das Bundeskartellamt. Alarmiert wurde es vom Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Hilmar Kopper. Der hatte nämlich in einer schwachen Stunde auf der Hauptversammlung seines Hauses damit geprahlt, die Deutsche Bank könne jederzeit höhere Zinsen für Spareinlagen mit gesetzlicher Kündigungsfrist zahlen. Gleichwohl denke sie nicht daran, dies zu tun. Solange die Sparkassen ihre Kunden ebenfalls mit Hungerzinsen abspeisen, will auch die Deutsche Bank ihren Kleinstkunden keine fairen Konditionen bieten.

Tatsächlich sind die Sparkassen Marktführer im Geschäft mit dem Sparbuch. Rund die Hälfte der gesamten deutschen Spareinlagen in Höhe von rund 760 Milliarden Mark lagert bei den öffentlichen Instituten. Und davon wiederum etwa die Hälfte wird mit Niedrigstzinsen zwischen 2,5 und 3,5 Prozent abgegolten. Das ist gerade mal ein Prozentpunkt mehr als vor fünf Jahren. Aber die Zinsen für Kredite sind seitdem um bis zu fünf Prozentpunkte gestiegen. Millionen von Kleinsparern wird so der gerechte Lohn vorenthalten. Überdies, so Bundesbankvizepräsident Hans Tietmeyer, widersprächen die geringen Habenzinsen der gesamtwirtschaftlich wichtigen Aufgabe, Sparvermögen auf breiter Ebene zu bilden.

Dank dieser höchst fragwürdigen Zinspolitik geht es den Sparkassen derzeit gut wie lange nicht mehr. Laut Bundesbank konnten sie im vergangenen Jahr die höchste Ertragsspanne aller Bankengruppen vorweisen. Bezahlen lassen sie sich die schöne Bilanz ohne jede sozialen Gewissensbisse von den Ärmsten unter den Geldanlegern: von Rentnern, Hausfrauen und Schulkindern. Von Kunden, deren geringes Vermögen zu mehr nicht reicht als zum einfachen Sparkonto mit gesetzlicher Kündigungsfrist.

Die privaten Banken verdienen freilich kräftig mit und schieben die Verantwortung auf den Marktführer "Sparkassen". Dabei haben gerade sie es in der Hand, den Sparkassen das unsaubere Spiel zu verderben. Sie brauchten nur Sparbücher mit höheren Zinsen auf den Markt zu bringen, was ihnen nach Koppers offenherzigem Bekenntnis auch nicht schwerfiele. Da sie es aber nicht tun, hegt das Bundeskartellamt den Verdacht, die Finanzbranche habe bei den Sparzinsen auf unredliche Weise die Gesetze des freien Wettbewerbs außer Kraft gesetzt. In Berlin hat die Behörde deshalb jetzt gegen acht Kreditinstitute ein Verfahren wegen Mißbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung eingeleitet.

Daß die Wettbewerbshüter mit ihrem Verdacht nicht völlig falsch liegen, zeigt eine einfache Überlegung: Würde das Produkt "Sparbuch" heute erst erfunden und den Kunden mit den derzeit gängigen Konditionen angeboten, wären seine Erfolgsaussichten gleich Null. Sein Erfinder würde vermutlich von der Branche und der Fachpresse höhnisch verlacht und auf die Klippschule der Marktwirtschaft verwiesen. Nur durch eine – stillschweigende – Übereinkunft aller wichtigen Banken und Sparkassen kann sich das Sparbuch heute überhaupt noch am Markt halten.

Das Vorpreschen des Kartellamtes macht deutlich: Es ist mehr als ein Bagatelldelikt, den kleinen Sparern bewußt Zinseinnahmen vorzuenthalten. Offenbar haben das jetzt auch die Politiker begriffen. Ingrid Matthäus-Maier (SPD) und Ulf Fink (CDU) fordern klare Vorgaben für Mindestzinsen. So soll der Spareckzins wenigstens die Inflationsrate ausgleichen (Matthäus-Maier) oder an den Diskontsatz gekoppelt werden (Fink).

Wie zu erwarten haben die Vorschläge im deutschen Finanzgewerbe ein lautes Echo der Entrüstung hervorgerufen. Von einem "Rückfall in längst vergangene Zeiten" war die Rede, von einem "unvorstellbaren" Eingriff in die freie Preisbildung. Aber die Banken haben keinen Grund, jetzt das Gespenst vom staatlichen Dirigismus an die Wand zu malen. Schließlich sind sie es, die die Regeln eines fairen Wettbewerbs seit Jahren aufs gröbste mißachten. Udo Perina