Von Irene Alenfeld

Gleich in der ersten Vitrine schlägt die Realität zu. Hinter Glas ein kleiner Reisesack – Lederbänder, Schnüre, der gebauschte Rumpf. Stoff? Leder? Ein aufgedrucktes Muster zeigt hebräische Buchstaben, Zeile auf Zeile. Wir stehen vor den Resten einer Torarolle ...

An-ski, so der begleitende Kommentar, habe bei seiner Sammlung für das Petersburger Jüdische Museum offensichtlich auch Dinge zeigen wollen, an denen die Situation der Juden im zaristischen Rußland, Pogrome inklusive, deutlich wurde. Dies erkläre einige seltsame Exponate in der Sammlung.

Diese Ausstellung des Amsterdamer Jüdischen Historischen Museums ist, trotz der 300 Volkskundeexponate in den Vitrinen, keine Folklore-Ausstellung. Diese Ausstellung gilt einem untergegangenen Volk, einer Welt, die um die Jahrhundertwende sich aufzulösen begann. Mit dieser zum erstenmal im Westen gezeigten Sammlung des Petersburger Völkerkundemuseums feiert das Amsterdamer Museum sein sechzigjähriges Bestehen – und zugleich das Wunder des Überlebens dieser zwischen 1911 und 1916 gesammelten Schätze jüdischer Kultur.

Das Schicksal der Sammlung ist geprägt vom Schicksal. Rußlands über all die wechselhaften Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Ihr Winterschlaf fand erst 1990 sein Ende, als die Chefkuratorin des staatlichen Völkerkundemuseums zu Leningrad, Ludmila Uritskaya, der Direktorin des Amsterdamer Jüdischen Museums, Judith Belinfante, im Kellergeschoß des Museums einige Kisten zeigte, die dort versteckt viele Jahre überdauert hatten. Judith Belinfante war die erste Ausländerin, der die Sammlung gezeigt wurde. Es kam zu einer engen Zusammenarbeit beider Museen bei der Beschreibung und Restaurierung der Sammlung, von der in Amsterdam nun rund neunzig Prozent ausgestellt sind.

Der Besuch der Ausstellung ist wie eine Reise in die Vergangenheit, in die Welt des Marc Chagall, wie er sie als Kind noch erlebt und ein Leben lang in seinen Bildern geschildert hat. Die Welt des Schtetl. Ausgelöscht, vergangen, verbrannt.

Die Anordnung der Vitrinen läßt die strikten, jahrhundertealten Regeln spüren, nach denen jüdisches Leben damals in Rußland verlief: hier die Welt der Männer, ihre Berufe, vor allem aber ihre Religionsausübung, das Studium von Talmud und Tora, das für weit wichtiger erachtet wurde als der tägliche Broterwerb, der oft den Frauen überlassen blieb – dort die Welt der Frauen in Haus und Küche, den Traditionen der Jahresfeste aufs innigste verbunden, aber eingebettet in ein religiöses Leben, das eher dem Wunderglauben und magischen Riten zugewandt scheint als gelehrten Wortauslegungen, denn die Voraussetzung, die Kenntnis des Hebräischen, blieb den Männern vorbehalten.