Von Karl-Heinz Janßen

Der letzte Balkankrieg, vor über fünfzig Jahren, begann mit einem Inferno: Aus dem heiteren Morgenhimmel des Palmsonntags 1941 prasselten Bomben auf die ahnungslose jugoslawische Hauptstadt Belgrad. Fast 500 deutsche Flugzeuge flogen an jenem 6. April 1941 rollende Einsätze, bis Belgrad an allen Ecken brannte und in Trümmern lag. Man schätzt, daß dabei 17 000 bis 20 000 Menschen umgekommen sind. Alle Kommunikationszentren, alle Kommandostellen waren zerstört, die politische und militärische Führung des Landes war mit einem Schlage lahmgelegt.

Ohne Kriegserklärung fiel die deutsche Wehrmacht über Jugoslawien her. Hitler, der als einstiger Habsburger Untertan die Mordtat von Sarajevo 1914 nie vergessen hatte, wollte an den Serben ein Strafgericht vollziehen, nachdem sie es gewagt hatten, ihn durch einen Militärputsch zu provozieren, der den eben vollzogenen Beitritt Jugoslawiens ins Lager der Achsenmächte Deutschland und Italien nichtig machte. Ist es nach den Schreckenstaten der Wehrmacht wirklich so schwer, sich vorzustellen, welche Empfindungen die Serben beschlichen, wenn demnächst deutsche "Phantoms" gegen ihre Soldaten und Stammesbrüder in Bosnien Angriffe flögen, wie es sich Politiker, Stammtischstrategen und Militärs hierzulande ausmalen?

Das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen hatte keine Chance. Gegen die dreißig Divisionen der Achse, darunter fünf Panzer- und sieben schnelle Divisionen, konnte es nur elf mangelhaft bewaffnete und unterbesetzte Divisionen aufbieten. Slowenen und Kroaten warfen gleich die Waffen weg, weil sie für den ungeliebten Serbenstaat nicht kämpfen wollten. Nach zwölf Tagen kapitulierte die jugoslawische Wehrmacht. Es war Hitlers schnellster und leichtester Blitzsieg – 151 Tote hatten die Deutschen zu beklagen. Welch ein Unterschied zum Feldzug vom Herbst 1915, als die Deutschen, gemeinsam mit Österreichern und Bulgaren, das kleine Serbien erst nach acht Wochen niedergeworfen hatten. Ein Drittel der serbischen Armee war damals nach Albanien entkommen, und die Verbündeten hatten 67 000 Mann verloren.

Nachdem im Frühjahr 1941 auch Griechenland erobert worden war, zog der deutsche Generalstab das Gros der Streitkräfte vom Balkan wieder ab, weil sie dringend für den Rußlandfeldzug benötigt wurden. Jugoslawien wurde unter den Siegern aufgeteilt, Kroatien (mitsamt Bosnien und Herzegowina, aber vermindert um Dalmatien) ein Satellitenstaat, Serbien auf seine Grenzen von 1912 zurückgestutzt. Mitten durch Kroatien verlief die Demarkationslinie zwischen den deutschen und italienischen Besatzungszonen.

In Belgrad amtierte, unter den Augen der deutschen Militärverwaltung, eine Kollaborationsregierung unter General Nedić, dem sogar einige Hilfstruppen unterstanden. Nur ein paar deutsche Bataillone für den Bahn- und Objektschutz waren zurückgeblieben, eher harmlose ältere Landsturmleute, denen der Sinn nach Amselfelder und Ćevapčiči stand. Doch rasch war es mit der Ruhe vorbei. Freischärler überfielen einsame Posten, sprengten Brücken und Bahngleise, legten Hinterhalte. Abseits der Vormarschstraßen hatten sich Tausende serbischer Soldaten in die Wälder und Bergschluchten geschlagen; inzwischen gehorchten viele dem Kommando des Generals Draža Mihajlovic, der die Kapitulation nicht anerkannte und den Kampf fortsetzte. Er bediente sich des altbewährten Systems der Dorfwehren, der Tschetniks; sie verstanden sich auf die Kunst des Kleinkrieges, ganz in der Heldentradition der Komitatschis aus den Türkenkriegen.

Bald nach dem Beginn des Rußlandkrieges gesellten sich den Tschetniks andere, ebenso fanatisch und rücksichtslos kämpfende Gruppen zu: die kommunistischen Partisanen unter Josip Broz, der sich Tito nannte. Gemeinsam fielen sie über die verdutzten Deutschen her. Die Wehrmacht wußte nur ein Rezept: brutale Geiselerschießungen. Die Maßeinheit war hundert Serben für einen toten Deutschen. Zuerst wurden die Juden, dann die Zigeuner, schließlich wahllos serbische Einwohner vor den Pelotons zusammengetrieben.