Herbert Gruhl, für die CDU in den Bundestag eingezogen, verließ die Partei Mitte 1978, weil er in der Fraktion wie in der Partei und im Parlament überhaupt mit seinen zuweilen rigorosen Ansichten zur Umweltpolitik gegen Wände zu reden vermeinte. Die hier in ihrer Essenz wiedergegebene Rede, die er als fraktionsloser Abgeordneter am 24. April 1980 hielt, war sein Vermächtnis; er kehrte nicht in den Bundestag zurück.

Die Antwort der Bundesregierung enthält nichts über ein langfristiges ökologisches Konzept. Die Ministerien verfolgen genau die entgegengesetzte Zielrichtung, nämlich das sogenannte wirtschaftliche Wachstum. In der Antwort wird allenthalben so getan, als sei der Umweltschutz beziehungsweise das dafür zur Verfügung stehende Kapital die begrenzte Ressource. Die begrenzten Ressourcen dieses Landes und des Planeten sind vielmehr der fruchtbare Boden, das Wasser, die Luft, das Klima und die nicht nachwachsenden Bodenschätze. Zu diesen wirklich elementaren Fragen sind Bundesregierung und die drei Parteien noch gar nicht durchgestoßen.

Es gibt bereits Hunderttausende, vielleicht schon Millionen, die über die elementarsten Fragen des Lebens auf dieser Erde viel gründlicher nachgedacht haben als die alten Parteien. Soweit sich diese Menschen nun auch politisch artikulieren, wird ihnen in der Antwort eine – ich zitiere – "militante Ideologie zur Durchsetzung von nur partiellen Umweltinteressen und auch reinen Gruppeninteressen" unterstellt, die angeblich die sozialen und ökonomischen Chancen anderer Bürger unberücksichtigt lassen.

Die Politiker, die heute in allen Industrieländern den Kurs bestimmen, sehen die Umwelt immer noch als eine kleine Unterabteilung der Politik, manche sogar als Unterabteilung der Wirtschaft. Entscheidend ist leider immer noch die ökonomische Bilanz, nicht etwa der rechte Nutzen für das Lebewesen Mensch und für seine elementaren Bedürfnisse, die auch geistige und psychische sind. Nach dem Nutzen für den Menschen, um dessentwillen angeblich alles geschieht, fragt kein Mensch. Ihm kann die Produktion ruhig schaden, wenn sie dem Hersteller nur Gewinn und insgesamt eine Erhöhung des Bruttosozialprodukts bringt, was für den Staat auch immer erhöhte Steuereinnahmen bedeutet. Die Entwicklung unseres Wirtschaftssystems wird längst nicht mehr durch die Frage: "Was ist gut für den Menschen?" bestimmt, sondern durch die Frage: "Was ist gut für das Wachstum der Wirtschaft?" Daß diese Steigerungen noch das Wohl der Menschen fördern, ist ein meist völlig unbegründeter Glaubenssatz,

Für den heutigen Wachstumswahn scheint es immer noch so etwas wie "genug" nicht zu geben. Die jetzige Politik besteht aus dem Versuch, eine geistige Lücke mit materiellen Gütern und technischen Raffinessen auszufüllen. In der traditionellen religiösen Auffassung gab es so etwas wie ein materielles ,,Genug". Jenseits dieses – zugegebenermaßen unbestimmten und historisch schwankenden – Betrages waren die Ziele des Lebens: Weisheit, Freude, Kultivierung des Gemüts und der Seele sowie des Gemeinschaftslebens.

Es ist schwerlich eine Philosophie oder Religion auf die Dauer denkbar, in der das ständige Wachstum der Wirtschaft und des Pro-Kopf-Verbrauchs das letztendliche Ziel ist. Wir brauchen eine Ökonomie, die nicht vom fortgesetzten Wachstum abhängt.

Ich weiß, daß ich für meine Ausführungen keinen Beifall bekomme. Es soll aber in künftigen Jahren wenigstens im Protokoll nachzulesen sein, was hier einer – leider, leider nur einer – vorgetragen hat.

Die Auslassungen und auch die Reaktionen im Parlament sind im Interesse besserer Lesbarkeit nicht gekennzeichnet oder festgehalten,