Von Thomas Kleine-Brockhoff und Oliver Schröm

Zwischen 1963 und 1989 hat die Bundesregierung der DDR 31 755 politische Häftlinge abgekauft, um unschuldig Verurteilten ein Leben hinter den Gefängnismauern von Bautzen und Brandenburg zu ersparen. Für jeden Gefangenen verlangte die DDR zuletzt 95 847 Mark.

Die Bundesregierung wollte aber nicht in Mark zahlen, sondern in Waren. Statt Devisen für den Parteichef sollte es Bananen oder Medikamente für die DDR-Bürger geben.

So war es geplant. Die Wirklichkeit sah anders aus, wie Recherchen der ZEIT ergeben haben. Aus dem Dunkel der deutschen Teilungsgeschichte löst sich jetzt ein schillerndes Sittenbild. Die Akteure saßen beim Diakonischen Werk in Stuttgart, bei der Ostberliner Stasi, in der Bonner Regierung und bei Handelsunternehmen in Mülheim, Essen und Bremen sowie bei einer ostdeutschen Tarnfirma in Liechtenstein. Und mittendrin ein alter Bekannter: Alexander Schalck-Golodkowski.

Sein "Bereich Kommerzielle Koordinierung" (KoKo) verstand es, Bananen in Devisen zu verwandeln, noch bevor sie das Territorium der Deutschen Demokratischen Republik erreicht hatten.

Leitende Mitarbeiter des Diakonischen Werkes – von der Bundesregierung als Treuhänder mit der Warenlieferung beauftragt – stehen im Verdacht, den Schwindel gekannt und gedeckt zu haben.

Der größte Teil der Bundeszahlungen für Häftlingsfreikauf und Familienzusammenführungen – 3 398 997 134,64 Mark – landete auf dem "Sonderkonto Erich Honecker". Das war eine Art Sparstrumpf der DDR, eine eiserne Reserve für schwierige Zeiten. Hin und wieder nutzte der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker den Fonds für Extra-Ausgaben: Die pompöse Feier zum 30. Jahrestag der DDR kostete 939 Häftlinge.