• Der Geldkoffer

Wie der zwischenstaatliche Häftlingshandel begann, schildert der Westberliner Anwalt Jürgen Stange: An einem Novembertag des Jahres 1963 steigt er am Lehrter Stadtbahnhof in West-Berlin in die S-Bahn. Kurz bevor die Drucklufttüren ins Schloß fallen, übergibt ihm ein Beamter des Ministeriums für gesamtdeutsche Fragen einen Koffer voller Banknoten – 340 000 Mark aus der Bundeskasse. Ein paar Minuten Fahrt, nur eine Station, und Jürgen Stange ist im Osten, Bahnhof Friedrichstraße. Wortlos wird er in ein kleines Zimmer geführt. Dort warten der Ost-Anwalt Wolfgang Vogel, ein hoher Stasi-Offizier und acht verunsicherte Häftlinge. Ein paar Grußformeln. Stange legt den Koffer auf einen Tisch. Der Stasi-Offizier zählt nicht nach. Minuten später sind Stange und die acht Häftlinge in der S-Bahn Richtung West-Berlin, eine Station bis zur Freiheit.

Jürgen Stange hat Wolfgang Vogel, den Ost-Anwalt mit Zulassung für den Westen, schon Monate vorher in der Haftanstalt Berlin-Moabit kennengelernt. Bald kreisen ihre Gespräche um die politischen Gefangenen der DDR. Irgendwann bringt Wolfgang Vogel aus dem Osten den Vorschlag mit, dem Westen 1000 der 12 000 politischen Häftlinge zu verkaufen (siehe Kasten).

In Bonn schart Rainer Barzel, der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, einen kleinen Kreis von Beamten und Deutschlandpolitikern um sich. Fronten bilden sich: Die einen lehnen brüsk ab. Menschenhandel, nein, das sei unmoralisch, man dürfe sich nicht mit der SED einlassen und zynische Geschäfte mit einem Unrechtssystem machen.

Die anderen argumentieren mit der Idee der Humanitas. Sie erinnern an die politisch Verfolgten, an stalinistische Schauprozesse und willkürlich verhängte, lebenslange Haftstrafen. Sie glauben, daß sich unmoralisch nur verhält, wer Unschuldige in den Kerker wirft und sie dann verkauft, nicht aber, wer bezahlt, um ihnen zu helfen. Die Bundesregierung befinde sich in der Situation eines Erpreßten. Schließlich setzt sich die Gruppe um den Ministerialbeamten Ludwig Rehlinger durch, jenen Mann, der später viele Jahre lang als Staatssekretär für die "Besonderen Bemühungen der Bundesregierung im Humanitären Bereich" verantwortlich sein wird.

Rehlinger sagt, ihm sei sofort klar gewesen, daß der erste Freikauf mit Geldkoffer und S-Bahn-Fahrt kein Modell für die Zukunft sein könne. Ihn habe das Geschachere um jeden Häftling angeekelt, ein Kopfgeld, das sich nach "menschlichem und politischem Gewicht" bemesse. Sein Hauptargument aber lautet: Zahlungen für Tausende von Häftlingen würden das Devisenkonto der DDR füllen und das Regime stabilisieren. Für Bargeld könnte die DDR auf dem Weltmarkt alles kaufen, auch strategisch wichtige Güter.

So entsteht die Idee der Warenlieferung. Denn über die Art der Waren, erinnert sich Ludwig Rehlinger, "konnte jeweils verhandelt werden".