Von Willi Jasper

Der Sederabend, der Beginn des jüdischen Pessachfestes, war die einzige religiöse Feier bei den Freuds in Wien, die sich belegen läßt. Die Bräuche und Lesungen dieser Nacht behandeln zwar den Auszug aus Ägypten, erwähnen Moses aber nur nebenbei. Der siebenjährige Sigmund, der schon etwas Hebräisch gelernt hatte und bereits die biblischen Erzählungen kannte, soll die Freiheit des Diskutierens, welche an diesem Abend bewußt auf die Kinder ausgedehnt wurde, zu der provozierenden Frage genutzt haben: "Aber wo bleibt Moses?"

Diese Frage führt auch ins Zentrum der Kontroverse darüber, ob die Psychoanalyse eine "jüdische Wissenschaft" sei, weil (oder obwohl) sie von einem nach eigener Aussage "gottlosen Juden" begründet wurde. Hatte der Freud-Biograph Peter Gay vor kurzem materialreich konstatiert, daß der Atheismus eine Voraussetzung für Freuds wissenschaftliche Entdeckungen war, bringt jetzt Yosef Hayim Yerushalmi neue Quellenbelege für die identitätsstiftende Bedeutung der Moses-Thematik in Werk und Leben des Begründers der Psychoanalyse. Die Gestalt des Moses hat Freud durch fast sein ganzes Leben begleitet. Allerdings folgte die Einwirkung auf Freuds geistige Biographie einer Umkehrung der zeitlichen Reihenfolge in der biblischen Erzählung. Das bleibende Motiv dieser fortschreitenden und zugleich rückläufigen Korrelation war die variable und gerade deshalb unlösbare Identifikation.

Besonders intensiv war Freuds Begegnung mit Michelangelos Moses-Statue. Während seines Rom-Aufenthalts im Herbst 1913 hat er das Denkmal täglich mehrere Stunden aufgesucht und die wechselnden Eindrücke notiert. Seiner Frau schickte er die rätselhafte Botschaft: "Plötzlich durch Michelangelo verstanden!" Was er verstanden hatte, konnte er aber erst viel später artikulieren.

In den letzten fünf Jahren seines Lebens entstand schließlich das monumentale Werk "Der Mann Moses und die monotheistische Religion". Freud begann damit 1934 in Wien unter dem unmittelbaren Eindruck der nationalsozialistischen Bedrohung. Im September 1934 schrieb er an Arnold Zweig: "Angesichts der neuen Verfolgungen fragt man sich wieder, wie der Jude geworden ist und warum er sich diesen unsterblichen Haß zugezogen hat. Ich hatte bald die Formel heraus. Moses hat den Juden geschaffen ..." Und nach seiner Übersiedlung ins Londoner Exil im Juni des Jahres 1938 signalisierte er, daß er "mit Lust am dritten Teil" arbeite. Bezeichnenderweise war in diesem Teil die Rede von Moses und "seinem Volk". Die Kernaussage des Buches besteht in der These, daß nicht die Abstammung über die Zugehörigkeit zu einem Volk (auch zum jüdischen) entscheidet, sondern die freiwillige Identifikation. Der Prophet Moses brachte den Juden den Monotheismus der Ägypter und wurde (deshalb?) von seinem gewählten Volk erschlagen. Was Freud hier auf einer ungesicherten historischen Basis zu begründen versucht, ist das "Schuldgefühl", das er bereits im prähistorischen Rahmen von "Totem und Tabu" als ödipale Kategorie entwickelt hatte.

Für Yerushalmi ist Freuds Moses-Werk "im Kern ein bewußt jüdisches Buch". Es handele sich nicht in erster Linie um eine psychologische Autobiographie, sondern vor allem um "eine öffentliche Äußerung" über das Wesen der jüdischen Geschichte, über Religion und Volkstum, Christentum und Antisemitismus. Allerdings habe Freud sich erst dann als "jüdischer Historiker" stilisiert, als ihm die ursprünglich geplante romanhafte "Charakterstudie" über Moses mißlang. Als Beleg führt Yerushalmi, selbst Fachmann für jüdische Geschichte, eine verblüffende Entdeckung an. Von der Freud-Forschung wurde bisher die Tatsache weitgehend ignoriert, daß der erste Manuskriptentwurf, datiert vom 9. August 1934, sich in wesentlichen Punkten von der später veröffentlichten Fassung unterscheidet. Im Entwurf von 1934 fügte Freud nach der Zusammenfassung der Handlung seines "historischen Romans" (wie es im Untertitel hieß) und vor der Ausbreitung des Materials, aus dem der Teil III werden sollte, einen "kritischen Anhang" ein, der in der endgültigen Fassung wieder wegfiel. Drei Monate nach Abschluß des Manuskriptes schrieb Freud an Max Eitingon in Jerusalem: "Ich bin doch nicht gut für historische Romane. Es bleibt für Thomas Mann." Er traute sich allenfalls eine "Vermengung von Geschichtsschreibung und freier Erfindung" zu.

"Der Mann Moses" ist für Yerushalmi gerade wegen seiner mystischen Akzente ein Beispiel jüdischer Geschichtsschreibung. In der Tat erinnert vieles an kabbalistischen Symbolismus. David Bakan vermutete bereits 1958, daß "der Geist der Kabbala in Freud lebendig" sei. Freuds jüdische Identität steht für Yerushalmi außer Zweifel. Die. Frage ist für ihn nur, welchen Anteil diese Identität am Entstehen der Psychoanalyse gehabt haben könnte. Er teilt nicht die Auffassung von Peter Gay, daß alle Vermittlungsversuche zwischen Religion und Wissenschaft von vornherein zum Scheitern verurteilt sind.