Von Klaus Hartung

Sein Interesse an der Kandidatur war ein nationales Medienereignis; sein Verzicht nicht minder. Eine überparteiliche Presseclaque bemühte sich eine Woche lang redlich, den stellvertretenden SPD-Parteivorsitzenden Wolfgang Thierse ins Amt des Berliner Landesvorsitzenden zu jubeln. Selbst die lokale CDU begrüßte die Kandidatur. Als er dann am Montag dieser Woche in der Berliner Landeszentrale im Wedding seine Absage begründete, gab es nicht nur Sympathie und Verständnis, sondern auch Zustimmung. Sein untrüglicher „Instinkt“ wurde gelobt, sein Verzicht als Qualifikation für die Exekutive genommen. Kein Spitzenpolitiker brächte so etwas fertig.

Dabei verstieß Wolfgang Thierse geradezu provokativ gegen den politischen Code. Acht Tage „Bedenkzeit“ bat er sich aus, nicht nur um zu verhandeln, sondern um sich eben zu „bedenken“. Seine Kandidatur hatte Thierse ziemlich hoch gehängt, zum Zeichen einer geschichtlichen Wende stilisiert: An der Zeit sei es, daß auch „ein Ostpolitiker eine Westpartei übernehmen“ könne. Er konnte eigentlich nicht mehr zurück. „Diese Erklärung ist ein Fehler gewesen“, gab er unumwunden zu. Zu seinem Verständnis von Politik gehört es eben nicht, wegen des Fehlers A nun auch B sagen zu müssen.

„Ostpräsident“ wird der 49jährige Germanist und Kulturwissenschaftler aus Ostberlin genannt. Bonn kann ihn nicht so recht einordnen, und er sich nicht so richtig in Bonn. Thierse gehört zu den wenigen Politikern, die beim Reden offensichtlich denken, er vertritt die aussterbende Art des „sprachgewandten Parlamentariers“. Aber erklärt allein das seinen Erfolg, zumal in einer Partei, die noch immer eine Übung in Parteidisziplin verlangte? Genaugenommen ist seine Erfolgsgeschichte eher mit ehrenwertem Scheitern als politischen Siegen verbunden. Vergebens plädierte er für einen langsameren Gang in die deutsche Einheit, vergebens intervenierte er für ein Tribunal zur Vergangenheitsbewältigung der DDR. Sein erfolgreiches Engagement in der Hauptstadtentscheidung fällt fast aus der Reihe. Schäuble und er waren es, die aus der Debatte Bonn oder Berlin eine Debatte über die deutsche Vereinigung machten.

Bei diesem Streit hat er nicht nur nachtragende Gegner, sondern auch Freunde gefunden. Zwischen den Brandt-Enkeln und Wolfgang Thierse ist die Luft gleichwohl dünn geblieben. Er hat mit dieser Erfolgsgeneration, die ihr Weltbild mit Daseinsfreude und einem entspannten Umgang mit der Macht so abgeklärt zu verbinden weiß, keine gemeinsame politische Wellenlänge gefunden. Thierses Erfolgsgeheimnis ist eher in der Gestaltung seiner politischen Rolle selbst zu suchen. Sein Kandidaturverzicht in Berlin ist darum weniger ein Absatz seiner politischen Vita. Er hat daraus die letzte, möglicherweise vollendende Schraffur und Reinzeichnung seiner öffentlichen Figur gemacht.

Der Intellektuelle vom Prenzlauer Berg, der noch immer davon träumt, „Essayist“ zu werden, er brachte es in einer Pressekonferenz fertig, seinen Verzicht für einen brillanten Kleinessay, über die Rolle des Politikers zu nutzen. Mit beschwörenden Handbewegungen schilderte er sein persönliches Dilemma, seine „zerreißende Abwägung“ zwischen den hohen politischen Ansprüchen und seiner Person, als seien es willkommene Anlässe, über Grundsätze zu reflektieren. Keinem anderen Politiker hätten die Journalisten einen derartigen Ausflug ins Allgemeine erlaubt, ohne die harten Fakten seiner Entscheidung abzufragen. Er beteiligt die Öffentlichkeit an den Höhen und Tiefen seiner Entscheidungsfindung. Er beschreibt die Unvereinbarkeit seines Bonner und seines Berliner Engagements als Grenzen seiner Person. Er wirbt um Verständnis für die fatale Alternative, in die er sich gebracht habe, entweder „politisch beschädigt oder menschlich beschädigt“ aus der Berliner Affäre herauszukommen. Daß dies alles „keine Ausrede“ sei, beschwor er auch im persönlichen Gespräch immer wieder.

Mit Pathos, mit offenkundiger Formulierungslust redet Thierse über sich als Politiker. Routiniert nutzt er seine Introspektion als ein rhetorisches Glacis, um dann einen vehementen Angriff gegen die Berliner Sozialdemokratie zu führen. Er warf der Berliner SPD „verschimmelte Rechts-Links-Konfrontationen“ und „eingespielte Kungelrunden“ vor. Die Westgenossen würden die Ostberliner für ihre politischen Manöver „keilen“. Die Partei brauche einen „Zuchtmeister“. Ein politischer Stilwechsel, eine Parteireform, sprich: eine Demokratisierung stehe an. Die Berliner SPD habe ihr „Westberliner Eingemauertsein“ noch nicht überwunden. Mithin lasse die Partei sich nicht „präsidial“ führen, und er käme daher als Landesvorsitzender schnell in die Rolle, „als Frühstücksdirektor verlacht“ zu werden.