Seit Monaten steht Michael Baigents und Richard Leighs "Verschlußsache Jesus" auf der Bestsellerliste. Das freut meinen Buchhändler. Endlich mal kann er vom Stapel weg verkaufen, statt nach dem Einzelexemplar im Regal zu suchen. Das Buch, das sich um die Qumranrollen und ihre Bedeutung für das Christentum dreht, hat bisher eine Auflage von 280 000 erreicht. Später, als Taschenbuch, wird es Uta Ranke-Heinemanns "Eunuchen für das Himmelreich", die es auf 375 000 Exemplare brachten, wohl noch übertrumpfen.

Der Leser im Händler aber ärgert sich: Es stehe doch fest, daß die Thesen der beiden Amerikaner absurd seien. Es stand doch in allen Zeitungen zu lesen, daß es falsch sei, die 1947 gefundenen Aufzeichnungen einer Wüstengemeinschaft am Toten Meer auf die Zeit nach Jesus zu datieren. Also sagen die Rollen nichts über den Nazarener und die zaghaften Anfänge einer später so mächtigen Kirche.

Dem Geschäft tut es keinen Abbruch. Nicht jeder Käufer wird die endgültig letzte "Wahrheit über das frühe Christentum" erwarten. Immerhin ist das Buch flott geschrieben: Paulus, der Spitzel der Römer und Spalter der Juden, findet Nachfolger in einer rotgewandeten Vatikanmafia. Wer phantastische Agentenromane unter großzügigster Einbeziehung der Wirklichkeit mag, wird bestens bedient. Nicht einmal der KGB könnte einem John Le Carré vergleichbaren Stoff liefern.

Die Mischung aus Heiligem und Unkeuschem, angereichert mit ein paar Verbrechen, garantiert immer eine vergnügliche Lektüre. Die römische Männerhochburg mit ihren historischen Verliesen eignet sich für solchen Stoff exzellent. Kriminologisch betrachtet, ist eine synodal verfaßte lutherische Kirche dagegen einfach langweilig. Die logische Konsequenz des großen Interesses an diesem Buch kann für Rom deshalb nur lauten: Nur nichts ändern am System! Der Verkaufserfolg widerlegt die Journalistenprosa, die Kirche sei als historischer Irrtum erledigt. Noch fesselt sie die Gemüter, reizt die Hirne, füllt die Kassen der Verlage.

Spekulieren wir einmal über jene, die bereitwillig knapp vierzig Mark für das Buch auf den Tisch legen. Die Glaubensreste aus ihrer Kindheit haben sie eigentlich längst über Bord geworfen. Oder haben doch fest vor, es zu tun. Sie trauen weder der kirchlichen Institution noch ihrer Botschaft. Aber ihr Unglaube schwankt – nicht einmal auf den ist Verlaß. Da kommt die "Verschlußsache Jesus" gerade recht. Alles Lug und Trug. Schnippschnapp schneidet die Lektüre die letzten Fangarme ab, die der Krake Kirche noch um ihre Seelen legt. Und trotzig lesen sie gegen ihren nagenden Zweifel am Unglauben, verscheuchen aus ihrem rumorenden Gewissen die Bilder der frommen Erzieher aus Kindertagen. Natürlich tauchen die bald wieder auf. Da hilft die große Käufergemeinde, die sich mit jedem neuen Trendbuch in einigendem Bekenntnis zusammenfindet.

Der Nachfolge-Bestseller ist schon in Sicht. Die australische Theologin Barbara Thiering schrieb "Jesus The Man". Auch sie "weiß" alles aus den Qumranrollen. Offenbar hat sie andere aufgerollt als die beiden Amerikaner. Oder sie hat den Code anders geknackt. Irgendwie hat man jede ihrer Thesen schon einmal lesen können. Oder war’s im Kino, wo man davon hörte – "Die letzte Versuchung Christi"? Jetzt ist selbstverständlich alles "wissenschaftlich" belegt.

Die endgültig wahre Wahrheit nach Thiering: Jesus, mit Maria Magdalena verheiratet, überlebte die Kreuzigung dank Drogen. Die Mutter seiner drei Kinder (ein Mädchen, zwei Jungs) ließ sich scheiden. Da nahm Jesus die flotte Griechin (und Bischöfin) Lydia zur Frau und lebte mit ihr glücklich und in Frieden.