Von Hans Schuh

Mehr als 150 Jahre lang haben Wissenschaftler nach den Ursachen für das Massensterben der Dinosaurier gefahndet – vergeblich. Sie fanden stets nur neue Opfer, aber nie den Täter. Nun glaubt eine wachsende Schar von Forschern, den Saurierkiller endlich entdeckt zu haben. Vor genau 65 Millionen Jahren soll ein gigantischer Meteorit die gesamte Region um die mexikanische Halbinsel Yucatan, den Golf von Mexiko und die Karibik in ein unvorstellbares Inferno verwandelt haben. Der Einschlag habe neben den regionalen Verwüstungen eine weltweite Klimakatastrophe ausgelöst und so den Sauriern den Garaus gemacht.

Chicxulub, in der Aztekensprache etwa "Schwanz des Teufels", heißt ein halb im Meer und halb auf Yucatan gelegener Krater, den ein zwölfköpfiges Team aus Geologen und Altertumsforschern jetzt als Zentrum des kosmischen Donnerschlages identifiziert hat (Science, Bd. 257, S. 954). Schon seit etwa zwei Jahren war der 180 Kilometer große, durch Verwitterung nahezu vollständig wieder eingeebnete Krater im Gerede als Epizentrum des Sauriersterbens. Doch überzeugende Beweise für diese These fehlten bisher. So hatten sich Gesteinsproben aus der Mitte des Chicxulub als uralt erwiesen, für einige Experten kam der Krater deshalb nicht mehr als Auslöser des Echsenexitus in Frage. Doch offenbar handelte es sich bei diesen Proben um sehr altes Material, das nach dem Aufprall in den Krater zurückgefallen war. Das wahre Alter bestimmten die Geologen jetzt an Bohrproben aus 1400 Meter Tiefe im Zentrum des Chicxulub. Hier hatte der einschlagende Himmelskörper eine mehrere hundert Meter dicke Schmelze aus glasigem Gestein gebildet.

Das Alter und die chemische Zusammensetzung dieser dunkelbraunen bis schwarzen Glasschmelze stimmten nahezu perfekt überein mit entsprechenden Daten feiner Glaströpfchen, die in jeweils rund tausend Kilometer Entfernung auf Haiti beziehungsweise im Nordosten Mexikos gefunden worden waren. Schon vor zwei Jahren hatten Geologen verblüfft festgestellt, daß gegen Ende der Kreidezeit, als die Dinosaurier starben, ein wahrer Glasregen über Haiti niedergegangen sein mußte, eine fünfzig Zentimeter dicke Schicht zeugte davon. Genaue Analysen ergaben, daß die glasigen Felströpfchen unter außergewöhnlich hohem Druck entstanden und nicht aus Vulkanausbrüchen hervorgegangen waren. Die Glasregenfunde auf Haiti und in Mexiko stärkten erst richtig den Verdacht, daß der geologisch als riesige Anomalie bekannte Chicxulub die passende Spur des Killerkometen sein könnte.

Entstanden ist der Chicxulub durch die Kollision mit einem Kleinplaneten von etwa zehn Kilometer Durchmesser, der mit circa hundertfacher Schallgeschwindigkeit aus dem All angedonnert kam und bei dem Aufprall wahrscheinlich vollständig verdampfte. Seine Sprengkraft von etwa siebzig bis hundert Millionen Megatonnen übertraf vieltausendfach eine hypothetische, gleichzeitige Explosion sämtlicher irdischer Kernwaffen. Die riesige Gesteinsbombe jagte eine Flutwelle von über tausend Meter Höhe durch den Golf von Mexiko und die Karibik. Vor allem aber wirbelten Megatonnen an Staub sowie giftigen und klimawirksamen Gasen hinauf in die Atmosphäre. Vermutlich führte dies zunächst zu einem Kälteeinbruch, weil sich der Himmel monatelang verdunkelte. Die Kälte war begleitet von massiv saurem Regen. Manche Quellen (Nature, Bd. 357, S. 15) schätzen den Niederschlag auf über zehn Kilogramm Schwefelsäure pro Quadratmeter – mehr als genug, um die Erde in eine Todeszone zu verwandeln. Nachdem sich Staub und Säure niedergeschlagen hatten und die Sonne wieder voll auf die Erde scheinen konnte, trieb ein durch den Aufprall induzierter Treibhauseffekt die Temperaturen ungewöhnlich hoch – dieses Wechselbad merzte dann die letzten Saurier aus.

Sind nun alle Rätsel um das Echsensterben gelöst? Wohl noch nicht. Denn bei allem Respekt vor der Erkenntnis, daß gegen Ende der Kreidezeit ein gewaltiges Himmelsobjekt die Erde getroffen hat – damit ist noch lange nicht erklärt, warum ausgerechnet die Saurier von der Bühne der Evolution verschwanden. Viele Vogel- und Amphibienarten beispielsweise überlebten den gewaltigen Umweltstreß, warum dann nicht einige Saurierarten, die damals in einer großen Vielfalt zu Lande, im Wasser und in der Luft das Leben beherrschten?

Die monokausale Erklärung, daß ein Kleinplanet die Dinosaurier ausgerottet habe, mag naive Gemüter befriedigen, hält jedoch einer kritischen Prüfung schwerlich stand. Die geologischen Altersbestimmungen für die Kreidezeit weisen Fehlerbereiche von einigen 100 000 Jahren auf – in solchen Zeiträumen mag sehr vieles scheinbar "gleichzeitig" geschehen, ohne ursächlich verbunden zu sein. Das Rätseln über das Sauriersterben geht also weiter.