BREDENBORN . – "willkommen" steht auf einem Transparent, das sich über die Hauptstraße spannt. Der Ort feiert Schützenfest. Drei Tage lang, mit Umzug, Tanz und Kirmesrummel.

Vor knapp einem Jahr brach ein Rummel ganz anderer Art über die niedersächsische 1400-Seelen-Gemeinde im Kreis Höxter herein. Drei junge Männer aus dem Dorf wurden verhaftet, weil sie im Verdacht stehen, die Holzmindener Polizisten Andreas Wilkending und Jörg Lorkowski erschossen zu haben. "Mörderdorf", hieß es plötzlich – die verschlafene Gemeinde im Weserbergland war über Nacht in die Schlagzeilen geraten. "Wie Geier", erzählt die Kaufmannsfrau, "sind die Reporter und Fernsehleute damals über uns hergefallen." Und wenn am 8. September in Hildesheim der Prozeß beginnt, geht es, fürchten die Leute, wieder von vorne los.

Vorher aber wird gefeiert. Mit Tschingderassabum marschiert der Schützenkönig samt Hofstaat durch saubergefegte Straßen, vorbei an den beiden Bäckereien, am "Hubertushof" und der katholischen Kirche; auch vorbei am Haus von Cilly Jüschke. Es liegt still inmitten des festlichen Treibens. Die Vorhänge sind zugezogen, niemand zeigt sich in der Tür. Das Namensschild ist entfernt, die Eingangstür ramponiert, die Klingel funktioniert nicht mehr. "Mörderhaus" hätte jemand an die mit Platten verkleideten Außenwände geschrieben, nachdem die Polizei im vergangenen Herbst die Söhne von Cilly Jüschke abgeholt hatte.

Wie lebt sie damit, daß ihre Söhne im Verdacht stehen, Mörder zu sein? "Das ist hart", sagt Cilly Jüschke mit tonloser Stimme. "Es hat drei Familien getroffen: die beiden Polizistenfamilien, aber uns auch." Gern hätte sie den Witwen der ermordeten Polizisten ihr Mitgefühl übermittelt, sagt sie. Aber sie habe es nicht gewagt.

Natürlich besucht sie ihre Söhne im Gefängnis. "Es sind doch meine Kinder." Sie hofft, daß sich in dem nun bald beginnenden Verfahren "manches in einem ganz anderen Licht darstellen wird". Da könne man nicht mehr alle drei – den 30jährigen Dietmar, den 27jährigen Manfred und den 21jährigen Ludwig – über einen Kamm scheren. "Die beiden Jüngeren hätten so was nie tun können", habe auch ihr Mann gesagt, der seit Jahren, von seiner Frau getrennt, im Nachbardorf lebt. Ludwig habe die Polizei schließlich schon freigelassen; er wohnt wieder zu Hause. Von den Leuten im Dorf habe sie nichts auszustehen, versichert Cilly Jüschke. "Die sind wie vorher auch: freundlich. Nur – die Schande bleibt doch." Wie sie damit fertig wird? "Ich bete."

Die Spuren jenes Abends im Oktober sind noch sichtbar: Das Glas der Haustür ist zersprungen, das Schloß schließt nicht mehr richtig. "Ich stand schon mit dem Schlüssel dahinter", erinnert sie sich. "Aber die Polizisten haben die Tür trotzdem eingetreten." Fast jeder zweite Bundesbürger saß an diesem 16. Oktober vor dem Fernsehapparat und verfolgte das Fußballänderspiel Deutschland-Wales. Weil die Polizei vermutete, daß dies auch die Jüschke-Brüder tun würden, stürmte ein Sondereinsatzkommando in den Abendstunden das Haus. Manfred Jüschke griff zum Messer, um sich das Leben zu nehmen. Er verletzte sich schwer, kam aber durch.

Hauptangeklagter ist Dietmar, der älteste der drei Brüder. Seine Stimme verriet ihn. Im Rahmen einer bundesweiten Fahndungsaktion hatte die Polizei die Tonbandaufzeichnung eines nächtlichen Telephongesprächs ausgestrahlt. "Guten Tach, Meier. Ich hab’, äh, ’n Wildunfall gehabt" – mit diesen Worten hatte Dietmar Jüschke die beiden Holzmindener Polizisten auf einen einsam gelegenen Waldparkplatz gelockt, um sie zu erschießen. Was ihn dazu trieb, welche Rolle seine beiden Brüder spielten, ist bis heute ungeklärt.