Ein Märchen für 15 Mark – Seite 1

Hinterher ist man immer klüger. Jedes Kind hätte die Komik der Geschichte schon vorher erkennen können. Aber wenn man selber eine der Hauptrollen spielt, ist man betriebsblind, wie könnte es anders sein.

Ganz im Stil der typischen Bildungsgeschichte steht am Beginn unserer Komödie die redliche Suche nach der weltberühmten Midaq-Gasse, gelegen im Straßendschungel des Khan-el-Khalizi-Bazars in Kairo.

Unverzeihlich, wer diese Gasse nicht kennt, dennoch sei erklärt: Es handelt sich dabei um einen Ort, den der Literaturnobelpreisträger Nagib Machfus in einem seiner Romane thematisierte. Also: Weltliteratur!

Wir tauchen ein in Schmutz und Altstadtgerüche, scheuen nicht den Kontakt mit literarisch Ungebildeten, fragen mit der Liebenswürdigkeit der Eingeweihten immer und immer wieder nach der bedeutsamen Gasse und dem Schriftsteller, der ihr zu Ruhm verholfen hat. Zu unserer Verwunderung müssen wir feststellen, daß nicht nur der ägyptische Erzähler unbekannt ist – das ist entschuldbar, bekanntlich gilt der Prophet im eigenen Vaterland nichts –, sondern auch die Midaq-Gasse.

Doch wie die klassischen Vorbilder uns lehren, geben tumbe Toren wie wir nicht auf. Unsere Hartnäckigkeit wird belohnt! "Nagib Machfus? Midaq-Gasse?" Doch, ja, davon hat man läuten hören. Das heißt, man kennt zumindest jemanden, der davon gehört hat. Sagt der Mann, der den Schurken im Stück gibt. Vielleicht ist er auch keiner, womöglich nur ein Schelm, ein schlitzohriger, aber ohne Bosheit. So heißt er denn auch nur Hussein. Er preist sich als Führer, als Wissender in einer Welt von Ignoranten. Er wird uns den Weg weisen, nur nicht sofort. Erst hat er noch Erledigungen zu machen. Die Suchenden warten gelöst bei einem Tee. Die Spannung steigt.

Kurz, darauf ist es soweit: Um einige Ecken führt der Weg, dann stehen wir in einem Winkelchen. Wir sind da. Zum Beweis wird flugs ein Schild hervorgekramt. Wir können zwar kein Arabisch, aber auch in Lateinisch steht dort etwas geschrieben: Modaq, immerhin.

Bevor wir lange überlegen können, entsteht ein Getümmel auf der Bühne, besser: Gasse. Kinder umringen uns. Stühle werden zwischen die Häuser gestellt und Tee serviert. Der Kupferschmied fordert uns auf, in seine kleine Werkstatt einzutreten, auf deren tiefblauen Wänden die Sonne durchs Gitterfenster Figuren malt.

Ein Märchen für 15 Mark – Seite 2

Eine kleine Lederfabrik im Familienbetrieb muß besichtigt und gewürdigt werden. Wer könnte es verdenken, daß die Vielzahl orientalischer Bilder unseren Blick verstellt? Und steht nicht beim Dichter zu lesen: "Obwohl die Gasse fast gänzlich ausgeschlossen vom Getriebe der Welt lebte, war sie doch vom Lärm ihres eigenen Lebens erfüllt"? Eben.

Natürlich sehen wir das mokante Schmunzeln, das uns begleitet, wenn wir durch einen dunklen Treppenflur klettern und ehrfurchtsvoll die Schwelle eines kleinen Raums betreten: Dies sei die Wohnung, die Machfus bewohnte. Vergilbte Photos werden zum Beweis gereicht. Die jetzt dort Wohnenden posieren. Klick-klack! Nur 2,50 Mark in die Hand der Hausfrau – und das Zimmer des Nobelgeehrten ist auf Zelluloid gebannt.

Und Hussein kündigt mit stillem Lächeln noch mehr nie Gesehenes an. Er will uns auf das Minarett des Viertels führen, auf dem Machfus höchstselbst allwöchentlich bei einer Schischa (Wasserpfeife) zu verweilen pflegt. Was er uns dann bietet, ist der Mühe wert: Im Licht der Abendsonne liegt Alt-Kairo vor uns. Hinterhöfe und ein Gewirr aus Baufragmenten, die normale Wohnungen beherbergen. Tief unten wimmelt Leben.

Auch der Hinweis auf den weltberühmten Erzähler, der hier, der Welt entrückt, ihr nahe ist, wirkt viel zu glaubhaft, um uns seltsam zu erscheinen. Ein bißchen komisch nur, daß er dazu gerade unseren Hussein als Begleiter erwählen sollte. Mit Machfus, so vertraut Hussein uns nämlich augenzwinkernd an, würde er hier oben hin und wieder Haschisch rauchen.

Ein wenig stutzen wir schon. Vielleicht bemerkt Hussein, der Schelm, daß er den Bogen ein wenig überspannt hat. Vielleicht sieht er den leichten Schimmer eines Zweifels in den Augen seiner Zuhörer. Den wandelt er sofort in den Glanz ungläubigen Staunens, indem er – nicht zurück – nein gleich zwei Schritte weiter geht. Versprochen wird uns, ja, den Literaturnobelpreisträger in einer Woche zu eben diesem Minarett zu bringen. Dort sollen wir ihn treffen. Wir erstarren.

Doch plötzlich erklärt Hussein, er müsse für diesen Nachmittag jetzt dreißig Pfund (sprich: fünfzehn Mark) von uns fordern. Aber hatten wir ihn nicht schon beschenkt? Auch ein zerfledderter Zettel, der ihn als Regierungsbeamten ausweist, kann das Erstaunen nicht mindern. Zur Folge hat dies schlicht, daß wir, die Narren, schimpfen: Er sei ein Schelm. Darauf wendet Hussein sich zutiefst getroffen ab – und wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln.

O Gott, er weint, und hat uns doch so einen schönen Nachmittag bereitet. Verstohlen stecke ich ihm fünfzehn Märker zu. Das letzte Wort hat er: "Wenn ich am nächsten Mittwoch Nagib Machfus zu unserem Treffen bringe, dann ist meine Ehre wiederhergestellt. Ihr seid beschämt und solltet euch Gedanken machen, wie ihr mich danach noch versöhnen könnt."

Ein Märchen für 15 Mark – Seite 3

Eine Woche später sitzen wir dort, gespannt auf das, was kommt – und doch voller Zweifel. Wer sich so tief gekränkt zeigt, wie Hussein es offensichtlich war, der muß in seinem Ehrgefühl verletzt gewesen sein, der muß zuvor die Wahrheit gesprochen haben.

Um 18 Uhr soll unser Treffen sein. Natürlich sind wir eine halbe Stunde zu früh. Den Menschen, die an der Moschee vorbeigehen, sind wir bald bekannt. Ein Mädchen lächelt, Schuljungen proben ihre Englischkenntnisse: What’s your name? Auch um 19 Uhr keine Spur von Hussein. Und von Nobelpreisträgern auch nicht. Das einzige, was man sieht, sind Menschen, die hier zu Hause sind. Wie sagte doch schon Hamida in Machfus’ Roman: "Blöde Gasse!" Ich geb’ ihr recht.

Und die Moral? Trau keinem Araber? Ach was. In Wahrheit lautet sie: Vertraust du einem Araber, frage nicht nach Wahrhaftigkeit! Fiktion und Wirklichkeit – sie überschneiden sich. Und macht er seine Sache gut, dann zaubert er für Stunden ein kleines Märchen. Wofür wir ohne Zögern noch einmal fünfzehn Mark bezahlen würden. Elisabeth Petersen