Von Volker Stollorz

Das Stück Ackerland, vor dem wir stehen, ist unbestellt. Jozef Schell, geschäftsführender Direktor des Kölner Max-Planck-Instituts für Züchtungsforschung, schüttelt beim Anblick der Brache den Kopf, als begreife er immer noch nicht, warum dieses kleine Feld am Stadtrand zu solch hitzigen Auseinandersetzungen führen konnte. Der Anlaß: Vor etwa einem Jahr blühten hier 30 800 gentechnisch veränderte, lachsrote Petunien. Dieses erste gezielte Freilandexperiment nach Verabschiedung des neuen Gentechnikgesetzes erregte viele Gemüter. Kritiker wollten die Aussaat genmanipulierter Pflanzen verhindern, weil damit unkalkulierbare Risiken einhergingen.

Der Rummel um die Petunien hat außer dem Zaun, der das Gelände seit dem heißen Frühjahr 91 vor Eindringlingen schützen soll, keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Nur in Gesicht und Gestik von Jozef Schell spiegelt sich beim Anblick des leeren Feldes Enttäuschung. Für ihn ist es ein Symbol für den mißlungenen Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Weitere Freilandversuche sind hier vorerst nicht geplant.

Während Experimente unter freiem Himmel heftig umstritten sind, laufen sie unwidersprochen direkt nebenan in den Gewächshäusern. Sie unterliegen nach Prüfung von Gutachtern der Sicherheitsstufe S1, und dabei ist "nach dem Stand der Wissenschaft nicht von einem Risiko für die menschliche Gesundheit und die Umwelt auszugehen". Es will Schell nicht in den Kopf, daß gefahrlose Experimente nur unter Glas möglich sein sollen. Dort wachsen bereits Tausende Pflanzen, denen Schells rund 400 Mitarbeiter fremde Gene eingeschleust haben. Er bedauert, daß die Medien für diese Arbeiten kein Interesse zeigen. Dabei wollten Gentechniker doch mit ihren neuen Pflanzensorten der hochindustrialisierten Landwirtschaft aus der Umweltklemme helfen – vorausgesetzt, man lasse sie ins Freiland.

Als der rothaarige, temperamentvolle Schell 1978 den Ruf nach Köln erhielt, war der gebürtige Belgier bereits ein gefragter Mann. Ihm war an der Rijks-Universität Gent das Pionierstück gelungen, fremde Gene in Nutzpflanzen zu schleusen. Bei Untersuchungen über die enge Symbiose zwischen dem Bodenbakterium Agrobacterium tumefaciens und bestimmten Nutzpflanzen war ihm aufgefallen, daß die Bakterien die Pflanzen genetisch zu ihren Gunsten verändern. Sie praktizieren in der Natur, wofür Kritiker die Genchirurgen schelten: artfremde Gene in Wirtspflanzen zu schleusen. Schell und seine Mitarbeiter in Gent lernten mühsam, diese natürliche Genmanipulation für Züchtungszwecke zu nutzen. Kein Wunder, daß die Max-Planck-Gesellschaft in ihm einen außergewöhnlichen Wissenschaftler erkannte und den damals 43jährigen als Direktor berief. Schell entschied sich für Köln und schlug ein sehr attraktives Angebot der Harvard-Universität aus. "Ich bin Europäer", kommentiert er eher beiläufig seine Wahl. Die vernünftige und verläßliche Mentalität der Deutschen, eine gut organisierte Grundlagenforschung, aber auch das aufkeimende Umweltbewußtsein Ende der siebziger Jahre hätten ihn gereizt, in dieser attraktiven Umgebung zu arbeiten. Nach seiner festen Überzeugung muß die Produktivität der Intensivlandwirtschaft weiter steigen und dabei gleichzeitig umweltgerechtere Anbaumethoden entwickeln. Ein Paradox? Seine Vision ist die grüne Gentechnik. Schell warb schon Mitte der siebziger Jahre für dieses Konzept bei den Züchtern. "Aber diese waren zunächst nicht sehr glücklich." Denn die Züchtungsziele erschienen unklar und der Weg dorthin lang und teuer.

Dennoch weckten die Möglichkeiten der Gentechnik das Interesse vieler Finanziers. Die Folge: Venture-Kapital verzahnte gleich zu Beginn die Grundlagenforschung mit deren wirtschaftlicher Verwertung. Auch Schell hob damals in Belgien eine Gentechnikfirma aus der Taufe. Rückblickend räumt er ein, daß diese enge Verflechtung sicher ein Grund für die aufkeimende Skepsis gegenüber der Gentechnik war. Kritiker verweisen zu Recht darauf, daß die Gentechnik alleine nicht den Hunger und die Umweltprobleme aus der Welt schaffen kann. Ebenso denkbar bleibt ein Szenario, in dem sie die bestehenden Probleme weiter verschärft.

Auch Schell sieht die Grenzen und Risiken der Gentechnik und begrüßt grundsätzlich das nach heftigen Diskussionen verabschiedete Gentechnikgesetz. Er sieht jedoch unnötige bürokratische Hürden, die der pflanzengenetischen Forschung und Anwendung in Deutschland den Boden zu entziehen drohten. Das unbestellte Feld ist für ihn eines von vielen Signalen des Niedergangs. Leider bestehe in Deutschland "die Gefahr, mit der Regulation zu weit zu gehen und voreilig das Ganze zu unterbinden". Ihn stimmt traurig, daß sich das Land, das zu den wissenschaftlichen Grundlagen der grünen Genetik beitrug, selbst ins Abseits manövriert.