Von Heinz-Günter Kemmer

Berthold Beitz hätte dem Krupp-Vorstandsvorsitzenden Gerhard Cromme einige unruhige Nächte ersparen können. Er hätte nur am Montag dieser Woche dem pensionierten Hoesch-Generalbevollmächtigten Hans Klüting zusagen müssen, den Namen Hoesch gleichberechtigt mit Krupp in die fusionierte Firma aufzunehmen, etwa als Krupp-Hoesch AG. Dann würde Klüting darauf verzichten, den Beschluß der Hoesch-Hauptversammlung über die Fusion anzufechten. Aber der Testamentsvollstrecker des letzten Krupp hat Klütings Wunsch nicht erfüllt – Cromme muß nun bis zum Freitag bangen.

Klüting hat bis Donnerstag um Mitternacht Gelegenheit, seine Klage einzureichen – erst dann läuft die Anfechtungsfrist ab. Ob Klüting nun klagt oder nicht, das konnte er zu Beginn der Woche noch nicht sagen. Er weiß natürlich, was für Krupp und Cromme auf dem Spiel steht. Er sei kein Querulant, sagt deshalb der 66 Jahre alte Hoesch-Pensionär, sehe aber auf der anderen Seite auch nicht ein, daß Beitz nicht die geringsten Konzessionen mache.

Beitz’ Sturheit hatte vor Klüting schon der inzwischen aus dem Dienst ausgeschiedene Hoesch-Vorstandsvorsitzende Kajo Neukirchen erfahren müssen. Als er und seine Vorstandskollegen den Wunsch vortrugen, den Namen Hoesch neben Krupp zu stellen, verschanzte sich der Testamentsvollstrecker zunächst hinter der Satzung der Krupp-Stiftung, die eine solche Namensgebung nicht zulasse, stellte dann aber ungerührt fest, schließlich habe ja Krupp Hoesch übernommen und nicht umgekehrt.

So wurde dann letztendlich der Kompromiß "Fried. Krupp AG Hoesch-Krupp" gefunden, der Klüting überhaupt nicht behagt. Die Mitarbeiter von Hoesch, so sagt er, könnten sich darin nicht wiederfinden, obwohl gerade dies für eine Übergangszeit wichtig sei. Aber wenn es um die Kruppsche Tradition geht, ist Beitz unerbittlich. Er riskiert damit freilich, daß Crammes großer Coup noch in Gefahr gerät. Denn wenn Klüting klagt, dann ist keineswegs sicher, daß die Registerrichter an den Sitzen der beiden Unternehmen – Dortmund und Essen – den Fusionsbeschluß der Hoesch-Hauptversammlung vom 27. Juli ins Handelsregister eintragen. Und solange er nicht eingetragen ist, schwebt der Beschluß sozusagen frei im Raum – die Fusion tritt vorerst nicht in Kraft. Folgt man der Argumentation von Klüting, dürfen die Richter nicht einmal nach eigenem Ermessen entscheiden, sondern müssen die Eintragung aussetzen, wenn die Klage schlüssig ist.

Für Cromme begänne ein dornenvoller Weg, wenn auch nur einer der Registerrichter die Eintragung verweigerte. Krupp hat sich nämlich für den Kauf von knapp zwei Dritteln des Hoesch-Kapitals hoch verschuldet und muß deshalb dringend eine Reihe nicht betriebsnotwendiger Beteiligungen verkaufen, um wenigstens einen Teil der Schuldenlast abbauen zu können, die im Laufe dieses Jahres kräftig gestiegen ist. So wurde in der Hoesch-Hauptversammlung bekannt, daß die Finanzschulden von Krupp seit Ende 1991 von 2,8 auf 4,3 Milliarden Mark gestiegen sind.

Beim Verkauf des nicht betriebsnotwendigen Vermögens denkt Cromme keineswegs nur an Beteiligungen und Grundstücke von Krupp, vielmehr stehen auch von Hoesch eingebrachte Werte zur Disposition. So ist durchaus denkbar, daß Krupp den Kaufpreis für die Hoesch-Aktien, der bei 1,3 Milliarden Mark gelegen haben dürfte, zu einem erheblichen Teil mit dem Geld bezahlt, das aus dem Verkauf von ehemaligen Hoesch-Pretiosen hereinkommt. An erster Stelle ist da eine Beteiligung von nominell 83 Millionen Mark an der hochrentierlichen Ruhrgas AG zu nennen. Die Aktie wird zwar nicht an der Börse gehandelt, ist aber so begehrt, daß eine Erlöserwartung von mehr als 800 Millionen Mark durchaus realistisch ist.