Von Marion Gräfin Dönhoff

Kaliningrad

Wenn die Schleswig-Holsteiner mit leuchtenden Augen vom Ostseeraum sprechen, dann hat mancher bisher geglaubt, es handle sich um die Großraum-Träume eines strukturschwachen Landes der alten Bundesrepublik. Wer aber zu der kleinen Delegation von Ministerpräsident Engholm gehörte, die in der vorigen Woche eben diesen Bereich von Danzig über Königsberg bis Tallinn (Reval) bereiste, kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Ohne daß wir es recht bemerkten, haben die stillen, tüchtigen Nordländer begonnen, rund um die Ostsee systematisch ein Netz vielfältiger Aktivitäten zu knüpfen. Und alle Ostsee-Anrainer nehmen freudig daran teil – besonders die drei baltischen Staaten, die endlich wieder souverän sind, sich aber noch gar nicht in der für sie neuen Welt zurechtfinden und darum viel von der deutschen Initiative erwarten.

Estland hat seine neue Währung, die Krone, an die deutsche Mark angeglichen und beschlossen, unser Treuhandsystem für die Privatisierung zu übernehmen. Auch Polen beteiligt sich mit dem Danziger Gebiet sehr rege, und die Russen wollen sich offenbar diesen Bemühungen anschließen. Die russische Außenpolitische Gesellschaft hat zusammen mit dem Moskauer Außenministerium für die nächste Woche eine internationale Konferenz nach Kaliningrad einberufen, an der Jelzins Vertreter Ruzkoj und Außenminister Kosyrew teilnehmen sollen und zu der auch Deutsche geladen sind. Thema: "Die baltische Region Rußlands – Perspektiven der Entwicklung."

Durch Besuche hin und her, durch Austausch von Studenten und Managern, von Fachkundigen und solchen, die es werden wollen, ist in kurzer Zeit ein Klima von Freundschaft und Hoffnung im Ostseeraum entstanden. "Ist doch klar", sagt Engholm, "eines Tages wird die Entwicklung die EG, die immer nur nach Süden zielte, auch auf den Weg nach Norden weisen. Denn nirgendwo in Europa sind die Bedingungen für eine grenzübergreifende Zusammenarbeit zwischen EG, Efta und den ehemaligen Comecon-Mitgliedern so gut wie hier, rund um die Ostsee."

Wichtig ist dabei der weitere Ausbau der Verkehrswege. In der Tat ist ja Transport von Menschen und Ware die Voraussetzung für jedwede Entwicklung. Es gibt schon heute sechzig reguläre Linien über die Ostsee, die im vorigen Jahr 65 Millionen Personen befördert haben. Wer von Danzig bis Reval allenthalben auf die Spuren der Hanse trifft, der versteht, daß der Ostseeraum von jeher ein Verbund war.