Von Heinz Josef Herbort

In einem Punkte waren sich die beiden im übrigen unversöhnlichen Parteien überraschend einig: In dieser vierten der fünf Salzburger Festspielwochen werde "es" sich entscheiden. So lag noch am Wochenanfang zwischen den kostbaren Gläsern, Goldreifen und Leuchtern eines exklusiven Antiquitätenhändlers nahe den Festspielhäusern im ersten Fenster ein Schildchen mit einer gewiß auch für werbewirksam gehaltenen deutlichen Aufforderung "Mortier, geh nach Hause!" und bezeugte so den "Aufstand der Profiteure" (Sigrid Löffler im profil). (Skurrilerweise prangte unter den Exponaten im zweiten Fenster das Konterfei jemandes, der in der glorifizierten alten Ära dank der eifersüchtigen Umsicht Karajans nie einen Zutritt zu den heiligen Festspielhallen erhalten hatte – Nikolaus Harnoncourt.) Der Intendant, auf diesen direkt ermunternden Anraunzer angesprochen, soll in für ihn unverhältnismäßiger Ruhe und Knappheit reagiert haben: "Was will er denn – ich bin doch zu Hause." Einen Tag später hatte "es" sich offenbar entschieden, war der Aufstand zwar gewiß noch nicht beendet, aber doch in seinem Zentrum entkräftet. Die künstlerischen Ereignisse hatten dem neuen Direktorium über den Berg geholfen. Und das Schildchen war verschwunden.

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Das "neue Salzburg". Äußerlich ist es noch das alte. Die vertrauten Bilder in der Getreidegasse wie im Café Tomaselli, die gleichen Werbeorgien der Plattenproduzenten zwischen Wurstwaren und Elektrogeräten, neben Dessous und Nippes. Selbst unter den hier lächelnden und dort tiefernsten Gesichtern sind noch zahlreiche vertraute, und sie mischen sich seltsam unglaubwürdig in den Kommentar der Wiener Presse, der immer noch behauptet, Gérard Mortier "weigere" sich, "die großen Namen" nach Salzburg zu holen, von denen doch Festspiels Wohl und Wehe abhänge. Aber es sind eben auch die neuen Gesichter darunter, Harnoncourt, wie gesagt, oder dessen finnischer Kollege Esa-Pekka Salonen. Und einige sind wiedergekommen – Pierre Boulez etwa (wollen wir nicht wenigstens dem, lieber Wilhelm, doch etwas Größe attestieren?).

Aber das wirklich "neue" Salzburg spielt noch nicht auf dem Forum der Plakate und Plattencovers. Auch wenn es längst Furore macht – es vollzieht sich weit weniger lärmend oder auffällig.

Im Landestheater, beispielsweise: Dort hatten Ursel und Karl-Ernst Herrmann durchaus ja schon ihre "Zauberflöte" zur Premiere bringen können – aber eben nicht im Rahmen der Festspiele, sondern als eigenständige Repertoire-Leistung des Hauses (wenngleich in Zusammenarbeit mit dem Brüsseler Théâtre la Monnaie). Jetzt steht dort eine erneuerte und optimierte (ehedem Brüsseler) "Finta Giardiniera" auf der Bühne – aber nun als wichtige Säule der Festspiele.

Im Festspielhaus, beispielsweise: Dort hatte 1977 Herbert von Karajan mit einer "Salome" im Großen Haus sich das Problem der nicht zu bewältigenden breiten Bühne und der klanglichen Balance – freilich auch der emporstürmenden Hildegard Behrens die stage für einen grandiosen Erfolg geschaffen. Jetzt können der Regisseur Luc Bondy und der Dirigent Christoph von Dohnányi den Strauss-Einakter auf eine subtile, beinahe kammermusikalische Folge von Szenen einer Nicht-Ehe im spießabsolutistischen Hause des geilen Aufsteigers Herodes konzentrieren; sie begeben sich dafür freilich auch klug und zurückhaltend in den weniger repräsentativen, aber "intimeren" Raum des Kleinen Festspielhauses.