Von Christoph Bertram

In der nordöstlichen Ecke Deutschlands, wenige Kilometer vor der polnischen Grenze, liegt Eggesin, der Standort der 41. Heimatschutzbrigade der Bundeswehr. Zu NVA-Zeiten war dies eine der wichtigsten Militäranlagen der DDR: "Sandmeer, Kiefernmeer, gar nichts mehr", lautet der Schnack, mit dem Einheimische halb stolz, halb entschuldigend von ihrem Eggesin sprechen. Damals lagen hier bis zu 15 000 Soldaten, heute sind es ein paar tausend. Damals war die NVA der Arbeitgeber, heute werden sechzig Prozent der Männer und neunzig Prozent der Frauen vom Arbeitsamt bezahlt, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen eingeschlossen. Im Keller des Brigadehauptquartiers erinnern noch einige NVA-Reliquien an die vergangene Pracht.

Ausgerechnet auf ihrem Rückzug vom Kalten Krieg hat die Bundeswehr eine Eroberung gemacht – auf friedliche Weise: Die einstige DDR und mit ihr die Nationale Volksarmee fiel der Bundesrepublik in den Schoß. Heute gilt die Integration dieser einstigen SED-Streitmacht in die demokratischen Streitkräfte Westdeutschlands als Beispiel gelungener Wiedervereinigung. Kein Geringerer als der Bundespräsident hat es kürzlich bestätigt: "Der von der Bundeswehr bisher geleistete Beitrag für das Zusammenwachsen des geeinten Deutschlands verdient unsere Achtung und Anerkennung." Der Präsident hat recht. Die Eigenschaften, die der Bundeswehr West dabei halfen, in weniger als zwei Jahren zur Armee des ganzen Landes, nicht nur der alten Länder zu werden, unterstreichen erneut, worin ihre eigene Stärke liegt: darin, den Frieden zu verwalten.

Im Oktober 1990, als Generalleutnant Jörg Schönbohm, heute Staatssekretär auf der Hardthöhe, in Strausberg bei Berlin als erster westdeutscher Militär zusammen mit knapp 2000 Bundeswehrsoldaten die NVA übernahm, hatten nur wenige einen solchen Erfolg zu erhoffen gewagt. Zuvor hatte es unter westdeutschen Offizieren bis in die höchsten Ränge hinauf eine leidenschaftliche Debatte gegeben, ob die Armee des demokratischen Westens sich mit der Klassenkampf-Truppe des Ostens überhaupt einlassen sollte. Auch die Bevölkerung der neuen Länder hätte gewiß nicht protestiert, wenn die als Armee des alten Regimes verachtete NVA einfach aufgelöst worden wäre. Aber dann schreckten Politiker wie Militärs in Bonn vor einer solchen Radikalkur aus guten Gründen zurück. Die NVA, so die Entscheidung, sollte zwar drastisch verringert, nicht aber liquidiert werden.

Wenn Schönbohm und seine Kameraden ihre Aufgabe bewältigt haben, dann lag das an Umständen, deren glückliche Kombination erst in der Rückschau offenkundig wird. Zum einen übernahm eine Organisation, die auf Befehl und Gehorsam aufbaut, eine andere, die dies ebenso gewohnt war. Viele NVA-Soldaten begrüßten die "Eroberer" aus dem Westen nicht etwa mit Sabotage; im Gegenteil, sie setzten oft ihren Ehrgeiz darein, ihre Einheiten in möglichst geordnetem Zustand zu übergeben. Geradezu erleichtert waren viele, daß mit dem Einzug der Bundeswehr das Chaos unter dem ersten und letzten demokratisch gewählten DDR-Verteidigungsminister Eppelmann sein Ende nahm. "Im Oktober 1990", erinnert sich ein ehemaliger NVA-Offizier, der heute die Uniform der Bundeswehr trägt, "war die NVA eine Räuberbande!"

Zum anderen lag es an der Bereitschaft der Ossis in Uniform, sich geschlagen zu geben, und der Bereitschaft der Wessis in Uniform, sie nicht gezielt zu demütigen. Gewiß, als die Bundeswehr anrückte, hatten viele NVA-Offiziere, zuallererst die Politkommissare und die oberen Ränge, ihren Abschied schon genommen. Viele andere folgten wenig später – teils freiwillig, teils weil die Bundeswehr nicht bereit war, sie auch nur auf Probe zu übernehmen. Aber das knappe Drittel der Offiziere und Unteroffiziere, die die Chance zur Bewährung bekamen, war willens, dem Feind von einst ziemlich loyal zu dienen, auch wenn das Degradierung und berufliche Unsicherheit bedeutete. Gleichzeitig waren die von der Bundeswehr in das fremde Land entsandten Soldaten bereit, den Noch-nicht-Kameraden einen Vertrauensvorschuß zu gewähren; inzwischen empfindet mancher Westler sich gar als ihr Anwalt. Ein junger Oberleutnant in Eggesin, der in der NVA zu den Überfliegern zählte, schwärmt heute noch von seinem ersten westdeutschen Kommandeur: "So einen Vorgesetzten hatte ich noch nie!" Umgekehrt mahnt ein ranghoher Westsoldat den Besucher: "Unterschätzen Sie den Beitrag der alten NVA-Leute zur Integration in die Bundeswehr nicht. Das haben nicht nur einige Westsoldaten zuwege gebracht."

Anfangs trugen die Ostler noch andere Uniformen, weil die Kleiderkammern der Bundeswehr, die doch für ein Mobilmachungsheer von weit über einer Million Mann hätten gerüstet sein müssen, angeblich den Bedarf nicht so schnell decken konnten. Heute ist allenfalls in den Gesichtern der Offiziere noch ein Unterschied zu entdecken; die Ostler zeigen noch nicht jenes ruhige Selbstbewußtsein, das ihre West-Kameraden auszeichnet. Aber auch da kann man sich täuschen. Ein Ost-Major in Eggesin erzählt belustigt und erfreut zugleich, wie ein Soldat ihn neulich für einen Wessi gehalten habe, "weil ich so gar nicht niedergeschlagen aussah". Dabei lastet zumindest auf den Offizieren (geeignete Unteroffiziere werden übernommen) weiterhin die Ungewißheit. Die rund 6000 ehemaligen NVA-Offiziere, die im Oktober 1991 den Antrag auf Übernahme in die Bundeswehr stellten, müssen noch Monate warten, bis sie den Bescheid bekommen. Immerhin können beim Heer 68 Prozent mit dem Zuschlag rechnen.