Von Hinrich Bäsemann

Auf der Eisinsel Grönland wächst kein Baum – und trotzdem benutzten die Eskimos seit Jahrtausenden hölzerne Werkzeuge. Der Rohstoff stammte von Treibholz, das auf rätselhaften Wegen dorthin gelangt war. Erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts begannen Polarforscher zu verstehen, daß es sich dabei um sibirische Bäume handelte. Einer der ersten Hinweise auf eine lange Drift über das treibeisbedeckte Polarmeer war der Fund von Gegenständen an der Südwestküste Grönlands, die von dem Forschungsschiff "Jeanette" stammten, das 1881 vor Ostsibirien, nahe der Wrangel-Insel, vom Eis zerdrückt worden war (siehe Karte). Dieser Fund veranlaßte Fridtjof Nansen zu seiner berühmten Fram-Expedition (1893 bis 1896), auf der die sogenannte transpolare Drift endgültig bewiesen wurde.

Zwar ist Pflanzen- und Sedimentmaterial im arktischen Eis für Polarforscher keine Besonderheit mehr, aber von den Mengen sind sie immer wieder überrascht. So deponiert das zwischen Spitzbergen und Grönland abtauende Eis jährlich immerhin rund sieben Millionen Tonnen Sand und Schlamm am Grund der Tiefsee. Über die genaue Herkunft dieser feinen und groben Gerölle wurde lange spekuliert.

Mit neuen Ergebnissen über die Sedimentaufnahme des Eises vor der sibirischen Küste ist kürzlich eine deutsch-amerikanisch-russisch-estnische Forschergruppe des Kieler Geomar-Institutes zurückgekehrt. Erstmals hatten westliche Wissenschaftler die Gelegenheit, im Mündungsbereich der Lena Eis-, Boden-, Wasser- und Sedimentproben zu nehmen. Vorläufige Ergebnisse lassen darauf schließen, daß der Eintrag von Sedimenten in das Meereis nicht wie bisher angenommen im Winter, sondern überwiegend während der beginnenden Eisbildung im Herbst stattfindet.

Das riesige Delta der Lena, die zu den größten Flüssen der Erde zählt, ist meist zugefroren, Schiffahrt ist allenfalls in drei Sommermonaten möglich. Vor allem nahe den Küsten und in den Mündungsarmen der großen Flüsse nimmt das gefrierende Eis im Herbst gewaltige Mengen an Sedimenten und Pflanzenmaterial auf, darunter abgestorbene Bäume. Bei extremen Wetterbedingungen gefriert sogar der Meeresboden, es entsteht sogenanntes Ankereis. Dieses Einfrieren geschieht jedoch nur bis zu einer Wassertiefe von etwa zwanzig Metern; der sibirische Schelf weist allerdings nur wenige derart flache Stellen auf.

Das sedimentbefrachtete Eis bleibt lange im Küstenbereich liegen. Jedoch reißen Winde und Strömungen immer wieder große Partien ab und schicken sie auf die jahrelange Reise quer durch den Arktischen Ozean. Hier beeinflussen die schmutzig-dunklen Eispartien stark die Energiebilanz des Arktischen Ozeans, da sie sich im Sonnenlicht rasch erwärmen. Die Erforschung von sedimenthaltigem Meereis und seinen Wegen ist deshalb auch für Klimarechnungen von Bedeutung.

Da die transpolare Drift vom sibirischen Land fort gerichtet ist, reißen immer wieder riesige offene Wasserkanäle auf. Diese heißen Polynyas und spielen im Energiehaushalt des Meeres eine sehr wichtige Rolle. Hier findet ein Gas- und Wärmeaustausch zwischen Meer und Atmosphäre statt, bildet sich ständig neues Meereis. Professor Jörn Thiede von Geomar bezeichnet die Polynyas als "Kinderstube des Meereises" und als "Frühwarnsystem für den Treibhauseffekt". Vor der Mündung der Lena fanden die Expeditionsteilnehmer eine mehrere tausend Kilometer lange, aber nur ein bis zwei Kilometer breite Polynya. Westlichen Wissenschaftlern waren solche Strukturen in dieser Jahreszeit dort unbekannt.

Das Beispiel der East Sibirian Arctic Region Expedition 1992 hat die Wissenschaftler ermutigt, die Zusammenarbeit mit Rußland fortzusetzen. Dort dürften in den Archiven noch viele wichtige Daten schlummern, von denen westliche Forscher bislang keine Ahnung hatten.