Von Sigrid Löffler

Ihr Tod war ein Zufall. Der italienische Anarchist Luigi Lucheni tötete die österreichische Kaiserin Elisabeth "in Ermangelung eines Besseren", wie er dem Untersuchungsrichter gestand: "Ich wollte den Herzog von Orleans umbringen, aber ich konnte ihn nicht finden."

Ein Mord ohne Sinn und Bedeutung, dieses Feilen-Attentat vom 10. September 1898 auf eine schwarzgekleidete, untergewichtige 61jährige vor dem Hotel Beau Rivage in Genf, ein Zufallstod – für ein Musical, das sich Österreichs letzte Kaiserin zur Titelheldin erkoren hat, ist das zu wenig. Elisabeths Bühnentod bedarf einer triftigeren theatralischen Begründung. "Ich habe sie ermordet", behauptet der Musical-Lucheni trotzig auftrumpfend, "weil sie es wollte."

Dies ist die griffige Grundformel für ein denkbar abgegriffenes Sujet, das sich der Schlagertexter und Librettist Michael Kunze und der Komponist Sylvester Levay für ihr Musical "Elisabeth" ausgesucht haben, das am 3. September, als letzte Produktion der Intendanz Peter Wecks, im Theater an der Wien uraufgeführt wird. "Elisabeth" will mit der Ikone der Rührseligkeit aus den "Sissi"-Filmen nichts gemein haben, nicht einmal den Namen. Peter Weck: "Wir beginnen dort, wo die Kitschgeschichte aufhört."

Kunzes Sissical ist ein Totentanz. Es zeigt das Attentat als Elisabeths ersehntes Rendezvous mit dem Tod – als makabren Liebestod, bei dem Lucheni nur als Werkzeug dient für die finale Liebesumarmung zwischen der Kaiserin und Eros-Thanatos.

Kunzes Tod ist ein schöner, androgyner Jüngling, der aussieht und reimt wie der jugendliche Heinrich Heine, der Poesie-Abgott der historischen Sisi. Dieser Todesbräutigam verfolgt die Habsburger-Braut aus dem bayerischen Possenhofen von ihrem Hochzeitstag in der Wiener Hofburg an mit seinen Begehrlichkeiten. Kunzes Lucheni ist ein Marktschreier der Zerstörung. Und seine Elisabeth ist ein morbides, narzißtisch selbstversunkenes und todessüchtiges Endzeit-Geschöpf – "eine Symbolfigur für den Untergang der habsburgischen Welt", wie Kunze in Anlehnung an E.M. Cioran meint.

Der rumänisch-französische Verzweiflungsartist sieht in Elisabeth "das Sinnbild einer verdammten Welt" und im Untergang Österreichs eine Präfiguration, "sozusagen die Generalprobe unseres baldigen Untergangs – was am Ende dieses Jahrhunderts auf uns zukommen wird, das geschah bereits damals in Wien".