Ganz, ganz früher, so die Legende, sollen in Bonn viele Nächte durchgemacht worden sein. Im alten Presseclub, zum Beispiel, hätten Chronistinnen der ersten Stunde im Morgengrauen auf den Tischen getanzt. Die Legende klingt plausibel, weil damals keiner stracks in sein sehr provisorisches Quartier zurückstrebte. Doch das ist lange vorbei. Nun bringen es die Reihenhäuschen im Weichbild oder die Eigentumswohnungen in der begehrten Bonner Südstadt mit sich, daß nicht nur der Umzug nach Berlin kaum vorangeht, sondern daß es auch keine richtigen Nachteulen mehr gibt.

Das heißt, Feste gibt es nach wie vor. Denn "wer feste arbeitet, soll auch feste feiern" (Helmut Kohl, wer sonst). Der Kanzler hat völlig recht. Bonner Feste sind Arbeit, zumindest auch, wenn nicht sogar nur. Gleich in der übernächsten Woche, wenn der Bundestag aus den Ferien zurück sein wird, geht es wieder los – mit dem Laubenpieperfest der Berliner. Sofort darauf erfolgt ein Doppelschlag: Die Bayern bitten zum Bonner Auftakt des Oktoberfestes und die Hessen zur gleichen Zeit in den Garten ihrer Landesvertretung.

Bald danach folgt schon der vorläufige Höhepunkt: das Kanzlerfest. Dabei sieht der Regierungschef "Europa grenzenlos", denn "gerade auch im fröhlichen Miteinander wächst Europa zusammen".

Auch mit dem Zusammenwachsen hat Helmut Kohl recht. Denn die Feste haben vor allem eine sozusagen mediale Bedeutung. Deshalb ist es immer wieder außerordentlich wichtig, zu ihnen eingeladen zu werden.

Wenn das Ziel erreicht ist, geht es dann um das Sehen und vor allem Gesehenwerden sowie um die daraus folgende Möglichkeit, demnächst ein Arbeitsgespräch mit dem Satz: "Wir haben uns doch neulich auf ... gesehen" verabreden zu können. Im infernalischen Lärm und Gedränge wäre das sowieso undenkbar.

In den Kontaktmöglichkeiten steckt die eigentliche Bedeutung der Herbstfeste. Nach der Sommerpause knüpft Bonn das Geflecht neu oder wieder, von dem es zusammengehalten wird. Deshalb mögen alle, denen nun vor dem Fernseher oder über der Zeitung wegen des vermeintlichen Allotria am Rhein abermals die Zornesader schwillt, bedenken: Sie erhalten Kunde von Bonn bei der Arbeit.

Carl-Christian Kaiser