Von Bernd Loppow

Am Anfang steht die Schlange. Anderthalb Stunden von einem Fuß auf den anderen treten, schwitzend eingereiht in die Warteschlange vor der Anmeldung. Die erste Lektion für Camper in Ostdeutschland lautet also: Wer zelten will, muß warten können. Mit stoischer Ruhe reihen sich die künftigen Zeltplatzgenossen ein, scheinbar sind alle abgebrühte Camper. Der Neuling aus dem Westen wird indes nervös, weil schon am Ortseingang von Prerow an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns ein Schild für einen leisen Schrecken sorgte: "Das Regenbogen Camp ist ausgebucht, Anreise zwecklos." Hoffentlich hat die Vorreservierung geklappt ...

Dann endlich: Nach fast zwei Stunden öffnet sich die Tür zur Rezeption. "Sie sind Clubmitglied?" Das angedeutete Lächeln der Blondine auf der anderen Seite des Schreibtischs soll Willkommen signalisieren. "Clubmitglied? Nein, wir wollen eigentlich nur zelten." Flinke Finger mit dunkelrot lackierten Nägeln bearbeiten die Computertastatur. Modernste Westtechnik. "Wie groß ist das Zelt?" Wir schauen einander fragend an. Den Koffer mit allen Utensilien hat uns ein Freund geliehen, der ihn selbst von einem Freund ... "Drei Tage, das macht 82,50 Mark, inklusive Kurtaxe und 1,50 für die Magnetstreifenkarte. Nicht verlieren. Areal F, Parzelle 987."

Danach werden Erinnerungen an Grenzkontrollen wach. Wie in besten DDR-Zeiten endet die Suche nach unserer Parzelle erst einmal abrupt vor einer Schranke, hinter der mit Funkgeräten bewehrte Männer in weißen Overalls Dienst schieben. Später erfahren wir: Das sind die camp-Chiefs die früher einmal Zeltplatzwächter hießen. Zwei Videokameras kontrollieren zusätzlich jeden Ankömmling. Bevor die Aufseher uns zu nahe treten können, erinnern wir uns der Clubkarte und schieben sie geschwind durch den Scanner. Schon hebt sich der Schlagbaum, die campchiefs lächeln gnädig, wir passieren Richtung Areal F – nicht ohne kurz in die Videokameras gewunken zu haben.

Unsere Heimat für die nächsten drei Tage liegt direkt hinter der Strandsauna im Schatten hoher Kiefern. An der in einen Steinquader gehauenen Zahl 987 erkennen wir, daß wir richtig sind. Der letzte freie Fleck. Ringsherum haben sich unsere Nachbarn scheinbar schon seit Wochen eingerichtet. Kurzes Kopfnicken in Richtung Steilwandzelt schräg gegenüber. Fast jeder Wohnwagen, jedes Hauszelt ist trotz Verbots weiträumig mit Windschutzplanen abgegrenzt. Lektion Nummer zwei: Obwohl Camper dichter aufeinander hausen als in Hochhaussiedlungen, ist räumliche Distanz erwünscht und sollte besonders von Neulingen eingehalten werden. Das bedeutet aber keineswegs, daß nicht jeder neugierig darauf wäre, was in Nachbars Wohnwagen oder Vorzelt passiert.

Niemand starrt direkt herüber. Trotzdem verfolgt mindestens ein halbes Dutzend Augenpaare gespannt, wie sich die Neuankömmlinge beim Zeltaufbau anstellen – danach entscheidet sich, wer in der Camperzunft akzeptiert wird oder als Niete gilt.

Ich gebe mein Bestes. Lässig lasse ich die Kofferverschlüsse klacken, starre auf das zusammengeschnürte Bündel, aus dem in den nächsten Minuten flugs ein Zelt entstehen soll. Die Zeit läuft. Wo ist der Hammer? Er fehlt natürlich. Um mir keine Blöße zu geben, presse ich die Heringe mit der Hand in den glücklicherweise nicht sehr festen Waldboden. Wie ein Kreuzgewölbe biege ich zwei schnell zusammengesteckte lange Stangen über die Zeltgrundfläche. Mit Klettverschlüssen wird daran das Innenzelt befestigt. Irgendwie gelingt es, darüber auch noch die regenabweisende Außenhaut zu ziehen und mit den Heringen festzuzurren. Ich habe eine Stange über. Trotzdem: Das Zelt sieht irgendwie nach einem Iglu aus.