Von Michael Schwelien

Belgrad

Eine Oase des Friedens: Ist dies wirklich Belgrad, die Hauptstadt der Pariarepublik Serbien und des jugoslawischen Rumpfstaates? Auf der Terazije flanieren Mädchen in Miniröcken. Wenn die Tageshitze weicht, bleibt in den Cafés am Einkaufsboulevard kein Platz frei. Die Läden sind voll. "Schlußverkauf" steht da in kyrillischer Schrift oder modisch auf Englisch Sale. Platz muß geschaffen werden für neue Ware. "Embargo?" fragt die Verkäuferin in einer feinen Damenboutique erstaunt zurück, "das trifft uns doch nicht, wir sind ein italienisches Geschäft." Neuester Schick aus Mailand: Die Preise sind in D-Mark ausgezeichnet. Bezahlt werden darf aber auch mit jugoslawischen Dinars, zum Schwarzmarktkurs, dem doppelten des amtlichen. Die Wechsler stehen vor der Tür.

In der Sauna des Fitneßklubs im Geschäftszentrum Sava Center schwitzt ein Inder. "Ich bin sehr zufrieden", plaudert der Herr aus Bombay, "besonders mit den Deutschen. Die erledigen alles so routiniert." Ein Hamburger Handelshaus liefert ihm Kaffee. Bezahlt wird auf Zypern. Bestimmungsort der Ware ist Mazedonien. Ausgeladen werden die Lastwagen in Belgrad.

Ölbarkassen schippern die Donau hinauf. Benzin ist zwar Mangelware, aber nur weil der Staat den privaten Verbrauch auf maximal zwanzig Liter pro Monat beschränkt hat, um für den Winter vorzusorgen. In den Kliniken fehlen Medikamente. Diese dürften aus humanitären Gründen nach Serbien geliefert werden. Nur mag Miloševićs Mordregime dafür keine Devisen locker machen. Busse und Bahnen fahren. Lebensmittel sind im Überfluß vorhanden. Die Ernte des landwirtschaftlich geprägten Landes fiel überdurchschnittlich gut aus. Wäre da nicht die merkliche Verringerung des sonst infernalischen Verkehrsgetöses – man würde kaum spüren, daß die Vereinten Nationen das Land vom Welthandel ausgeschlossen haben.

"Aber die hohen Preise", klagt eine Sekretärin: "Es kostet mich einen Monatslohn, um ein Paar italienische Pumps zu kaufen." So war es auch schon im Vorjahr, denn Monatslöhne von hundert bis zweihundert Mark sind keine Folge der Sanktionen, sondern eine Hinterlassenschaft des Bundes der Kommunisten. Nur: 1991 streikten wegen der Hungerlöhne die Arbeiter. Jetzt sind alle still.

"Der Druck von außen hat die Serben geeint", glaubt Vjekoslav Radovid, Chefredakteur des Auslandsdienstes der Presseagentur Tanjug. "Manchmal", blinzelt er listig, "wenn wir eine Party auf meinem Bootshaus feiern und ein paar Slivowitz getrunken haben, sagen wir, jetzt müßten die Awacs kommen – sie würden sehen, daß wir unbesiegbar sind." Viel spricht dafür, daß der schlaue Journalist die Stimmung im Volk richtig einschätzt. Serbien hat seine Kriegsziele in Kroatien und Bosnien-Herzegowina weitgehend erreicht. Auf originär serbischem Gebiet fiel kein Schuß. Wo immer UN-Truppen den Teilfrieden sichern, können sie die vorausgegangenen "ethnischen Säuberungen" nicht wieder rückgängig machen. Trotz starker Worte – auch das allzu starke des deutschen Außenministers Klaus Kinkel vom "Völkermord" wurde in Belgrad registriert – droht keine militärische Intervention von außen.