Von Karl-Heinz Janßen

Wenn Regierungen Geheimpapiere über heikle Affären zu lange vor der Öffentlichkeit verschließen, öffnen sie Tür und Tor für Gerüchte, Legenden und Verschwörungstheorien. So erging es bis zu diesem Sommer den Briten, weil sie wichtige Dokumente zum "Fall Heß" sekretierten oder nur in Auszügen veröffentlichten. Für unsere jüngeren Leser: Rudolf Heß, sogenannter Stellvertreter des Führers Adolf Hitler, eigentlich nie mehr als ein Sekretär der Nazi-Partei, war am Abend des 10. Mai 1941 mit einer Messerschmitt 110 nach Schottland geflogen und dort mit dem Fallschirm abgesprungen; er wollte, kurz vor dem deutschen Uberfall auf die Sowjetunion, England einen Frieden anbieten.

Als wohl letzter Autor, der das vermeintliche Rätsel Heß – er nahm sich, 93jährig, am 17. August 1987 im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis das Leben – endlich gelöst haben will, hat sich der in New York lebende britische Historiker und Bestsellerautor John Costello vorgewagt. Den Schlüssel glaubte er mit Hilfe des KGB gefunden zu haben, der ihm sein Geheimarchiv geöffnet hatte: Heß habe eine Friedensofferte Hitlers mitgebracht und England eingeladen, am Kreuzzug gegen den Bolschewismus teilzunehmen. Doch habe ihn der Secret Service in eine Falle gelockt, nachdem man einen Brief des deutschen Diplomaten Albrecht Haushofer an den Herzog von Hamilton abgefangen hatte. Heß war mit dem Vater des Diplomaten, dem Geopolitiker Professor Karl Haushofer, befreundet; den Herzog kannte er flüchtig von einem Besuch in Berlin.

Angefangen hatte das Techtelmechtel bereits im Sommer 1940 nach der Niederlage Frankreichs. Damals, in Englands dunkelster Stunde, war die Versuchung für die alten appeaser groß, sich mit Hitler zu einigen. Doch der Diktator fand seinen Meister in dem britischen Kriegspremier Winston Churchill, der, gestützt auf die seebeherrschende Royal Navy und die moralische und bald auch materielle Unterstützung Amerikas, in scheinbar aussichtsloser Lage fest zum Widerstand entschlossen blieb.

Costello hat zwei Bücher in einem geschrieben – eins über die Affäre Heß, das größere und bedeutendere über diese Leistung Churchills. "Ein Jahr lang hat Churchill mit seiner aufrüttelnden Rhetorik Großbritannien ermutigt, der Invasion zu trotzen", schreibt der Autor. Der Premier mußte zu Bluff, Tricks und Einschüchterungen greifen, um sein in der Friedensfrage gespaltenes, unsicheres Kabinett auf Kriegskurs zu halten.

Der "geflügelte Parzival" aus Bayern konnte einen Churchill nicht wankend machen. Als die Vernehmer noch zweifelten, ob da wirklich Heß vom Himmel gefallen sei, entschied der Premier: "Egal, ob Heß oder nicht Heß, ich gehe mir erst mal die Marx Brothers ansehen." Die Nazis stürzte er in Verwirrung, indem er amtlich nur die Landung des – von Hitler inzwischen für verrückt erklärten – Friedensboten bestätigen ließ. Das britische Schweigen sollte aber vor allem Stalin beunruhigen, damit er aus lauter Angst vor einem deutsch-britischen Bündnis zum Westen überliefe.

Da Costello ursprünglich seine These nur auf schwankende Indizien stützen konnte (zum Beispiel Schlamperei der schottischen Luftverteidigung), kamen ihm die russischen Geheimdokumente gelegen, die unter dem Tarnwort "Schwarze Bertha" gesammelt wurden (angeblich, man staune, soll Heß mit Homosexuellen verkehrt haben). Als erster hatte Kim Philby, der sowjetische "Maulwurf" im britischen Geheimdienst, über Heß’ Mission berichtet.