Sie sind Geiseln der Politik: 40 000 armenische Flüchtlinge fürchten um ihr Leben, weil die Regierung von Nagornyj-Karabach die eigene Bevölkerung nicht aus dem Kriegsgebiet abziehen läßt. Vor allem alte Menschen, aber auch viele Frauen und Kinder harren seit Wochen in der Hauptstadt Stepanakert aus. Vor der aserbeidschanischen Armee, die in einer Großoffensive etwa ein Viertel der seit viereinhalb Jahren umkämpften Kaukasus-Enklave erobert hat, sind sie aus ihren Dörfern geflohen. Sie hungern, sie schlafen auf der Straße oder in Notquartieren – und sie sind wehrlos den täglichen Bombenangriffen der feindlichen Luftwaffe ausgeliefert.

Erst am vergangenen Wochenende hat das Parlament von Nagornyj-Karabach verlauten lassen, dem jüngsten Bombardement der Aseris seien 35 Menschen zum Opfer gefallen, darunter mindestens dreizehn Flüchtlinge. Doch die Klagen der Politiker in Stepanakert, die für die überwiegend armenische Bevölkerung der Region die Unabhängigkeit von Aserbeidschan reklamieren, wirkt zynisch: Sie könnten ihre Bürger vor dem Bombentod retten. Statt dessen verweigern sie den Vertriebenen die Ausreise ins sichere Armenien.

Täglich protestieren Flüchtlinge vor dem Parlament am Marktplatz von Stepanakert: Sie fordern die Erlaubnis zur freien Ausreise durch den sogenannten Latschin-Korridor, eine Schneise durch aserbeidschanisches Gebiet, die Armenien mit Nagornyj-Karabach verbindet. Ohne Arbeit, mit nur einem Kilo Mehl und 250 Gramm Zucker im Monat versorgt, fühlen sie sich zu Bettlern degradiert und für die Kriegspropaganda mißbraucht. Inzwischen, so erzählt eine alte Frau, habe die Regierung in Stepanakert sogar die Bankkonten der Bevölkerung sperren lassen; so könne kaum jemand die 120 Rubel für den Bus aufbringen, der täglich einmal nach Eriwan fährt. Die Menschen sind verzweifelt, doch das kalte Kalkül des lokalen Kriegskabinetts lautet offenbar: Wenn wir das Volk verlieren, dann verlieren wir auch das Land.

Der bisherige Premierminister von Nagornyj-Karabach, Oleg Esajan, rechtfertigte seine Politik gegenüber der ZEIT mit den Worten, seine Regierung habe "wie jeder andere Staat das Recht, die Ein- und Ausreise seiner Bürger souverän zu regeln". Sorgen bereiten ihm allein der drohende Hunger, die sich ausbreitenden Krankheiten und der nahende Winter: "In dieser Situation spricht niemand über Menschenrechte."

Zwar wurde Esajan inzwischen abgelöst. Aber auch die neue Führung in Stepanakert, die eine engere Zusammenarbeit mit der armenischen Regierung anstrebt, scheint weiterhin das eigene Volk zu Gefangenen eines blutigen Krieges machen zu wollen. Mitverantwortung für das Elend trägt auch die Regierung in Eriwan; hinter vorgehaltener Hand bekundet sie, im Mutterland sei kein Platz für weitere Flüchtlinge.

Das Internationale Rote Kreuz bemüht sich nun, mit Zelten und Nahrungsmitteln die Not zu lindern und zwischen beiden Kriegsparteien zu vermitteln. Eine humanitäre Lösung für die Geiseln von Stepanakert könnte etwa so aussehen: Die Behörden der Enklave genehmigen die Ausreise der Zivilisten; gleichzeitig garantiert die aserbeidschanische Armeeführung in Baku, daß der Flüchtlingskonvoi bei der Fahrt durch den Latschin-Korridor nicht mit Artillerie, Hubschraubern oder Flugzeugen angegriffen wird. Noch dauern die Verhandlungen an – die Bombenangriffe auch. cw

Stepanakert