Von Sibylle Cramer

Die moderne Poesie gilt als Abrißwerk. Das Original verschwindet, die Geschichte wird entfabelt, der Inhalt annulliert, der Sinn verdunstet, die Figuren verschwinden in Mülleimern oder Diskursen. So entstehen blühender Kahlschlag, prachtvolle Fälschungen, herrliche Romanruinen und Menschenreste, die mit Engelszungen reden. Daß Laune und Lust, ja Wollust im Spiel ist, wenn die Dichter die Abrißbirne schwingen, das hat schon einer der ersten Ruinenbaumeister, Stéphane Mallarmé, gesagt: "Die Destruktion ist meine Beatrice."

Die Beatrice Dantes oder Mallarmés war ein schönes Frauengespenst hinter den Kulissen des Textes, eigentlich nur ein poetisches Gerücht. In abwesender Form beteiligte sie sich am Auf- und Abbau kunstvoller Sinngebilde und verhüllte als Begriff das Bild erotischer Weiblichkeit.

Die zeitgenössische Muse kehrt diesem allegorischen Versteck den Rücken und verwandelt sich in eine Tatsache des Textes, die in unserem Fall unter dem Namen Ginka Steinwachs bekannt ist. Als Person und Buchstabenpuppe glänzt sie durch Anwesenheit auf allen Schauplätzen, die Bücher sich schaffen, von der Lesung bis in die letzte Letter. Ginka Steinwachs’ Lesungen sind nicht nur persönliche Übergaben des Textes an den Leser, sondern literarische Performances, die das Buch rahmen und ausstellen und daran erinnern, daß Literatur nicht einfach nur Schrift ist. So verwandelt das Buch sich in einen Gegenstand, der seinen Kunstcharakter auch seiner Inszenierung verdankt – wie das ready made, mit dem es seine demonstrative Inhaltslosigkeit teilt.

Im Falle der Sprachplastik "Glück" wird kaum mehr mitgeteilt als der Sachverhalt, der in dem Begriff "Muse" steckt: daß Kunst ein Triebgeschehen ist, im wahrsten Sinne des Wortes ein Lustspiel.

Das Romanexposé in Jamben steuert sein allegorisches Puppenspiel um eine Figur namens Anna Lyse, die ihr Glücksrad quer durch Hamburg treibt, rund um die einfache, aber märchenhaft schöne Wahrheit vom Musenkuß als Verschmelzung rational analytischer und sinnlich naturhafter Kräfte. Der Geschlechtsakt aus Sprache ist dem Teufelspakt des Faust entgegengesetzt, denn die Originalfälscherin Ginka Goethe ist der "Geist, der stets bejaht".

Musen sind keine Genien. "Glück" ist eine erfinderische Kopie, kein Gedankengut. Seinen poetischen Mehrwert entfaltet der Text auf der Materialebene. Hier entsteht nach den klassischen rhetorischen Mustern der Überredung und Verführung eine belletristische Lotterie, die alles in einem ist, "Gaumentheater", Lockruf, Letternkuß, ein erotisches Sprachspiel auf der Grundlage des Vokal- und Konsonantenstoffes Ginka Steinwachs und ihrer ausgesprochen gelehrten Phantasie.