Seine größten Erfolge hatte er in den sechziger Jahren – mit "Die glorreichen Sieben" (1960) und "Gesprengte Ketten" (1962). Seine visionären Filme aber, allesamt Western, drehte er in den Fünfzigern: "Verrat im Fort Bravo" (1953), "Stadt in Angst" (1954), "Das Geheimnis der fünf Gräber" (1956) und "Zwei rechnen ab" (1957).

Im Mittelpunkt dieser Filme stehen häufig kantige Helden, die nicht immer sympathisch macht, was sie gerade tun. Der Offizier in "Fort Bravo" etwa, der einen ausgebrochenen Kriegsgefangenen zu Fuß zurückschleift, am Seil gefesselt. Oder Wyatt Earp und Doc Holliday in "Zwei rechnen ab" und "Die fünf Geächteten" (1967), die aus Rache und betrogener Liebe den Kampf gegen die Clanton-Gang aufnehmen. Dennoch gilt für Sturges: Die Guten bleiben immer gut, und die Bösen immer böse.

Sturges frönte den Konventionen des Genres. Zusammen mit Joe Kane und Budd Boetticher, Delmer Daves und Anthony Mann lotete er in den fünfziger Jahren noch einmal aus, wie der Western, dieses amerikanische Kino par excellence, zurückfinden kann zu mythischer Verklärung: Ob es noch fasziniert, wenn Helden wie "höfische Ritter" losziehen, um sich draußen in der Welt zu prüfen und dem eigenen, moralischeren Standpunkt zum Sieg zu verhelfen. Sturges’ bevorzugtes Stilmittel dafür waren lange Panoramablicke in die Weite des amerikanischen Westens, die den Raum öffnen. Ein bedächtiger Rhythmus, der den Figuren Zeit läßt, ihre Entscheidungen zu treffen. Und eine ruhige Kamera, die auf übersichtliche Bilder aus ist, die das Ambiente dahinter, die Landschaft oder den Dekor, so wichtig nimmt wie die Action vorne im Zentrum.

Lektionen in coolness sind seine Filme, Musterbeispiele an Lakonie und Klarheit. In "Escape from Fort Bravo" wird eine kleine Gruppe – zwei Offiziere, ein Kundschafter, drei Gefangene, eine Frau – von Indianern überfallen, mitten in der Einöde. In einer kleinen Mulde finden sie schließlich Schutz. Horse races and gunfights, Verfolgungsjagcen und Schüsse, hin und her. Nach einem Angriff der Indianer, die anreiten, immer wieder, ohne auf ihre Verluste zu achten, ist die Mulde durch Lanzen markiert, rundherum. Danach ziehen die Indianer sich hinter die Felsen zurück, und eine andere Gruppe beginnt, von einem Alten dirigiert, mit Pfeil und Bogen auf die Mulde zu schießen. Wie ein Schwarm Hornissen fliegen die Pfeile durch die Luft auf die Weißen zu. Und Sturges zeigt, im steten Wechsel von Total und Detail, wie sie näher und näher kommen, wie sie schließlich treffen, wieder und wieder

Sturges zählte zu Hollywoods visionären Routiniers, die ihre Arbeit nicht nur so gut wie nur möglich zu machen suchten, sondern auch den Zauber jenseits des Handwerklichen beachteten: visuelle Phantasie, Gefühl für musikalische Rhythmen, Betonung der besonderen Eigenart der Darsteller. "Wenn eine Figur einem Problem auf den Grund zu gehen hat, fühlt das Publikum mit ihr, und der beste Film ist immer der, der auf diese Weise persönlich wird.‘

Geboren wurde John Sturges 1911 in Oak Park, Illinois. Im Alter von 21 Jahren ging er nach Hollywood und arbeitete bei RKO als Cutter und Produktionsassistent von David O. Selznick. Im Zweiten Weltkrieg war er Offizier der Luftwaffe und drehte über vierzig Lehr- und Dokumentarfilme für das Air Corps. Nach dem Krieg arbeitete er für Harry Cohns Columbia, wo er 1946 auch als Regisseur debütierte – mit "The Man Who Dared". 1949 drehte er seinen ersten Western: "Treibsand" (nach Alan LeMay, dem Autor von John Fords "The Searchers") mit Randolph Scott und Ella Raines (Siodmaks "Phantom Lady").

Sturges mochte es, seine Western mit klassischer Musik zu vergleichen: "Ein Western muß wie der andere aussehen. Kein Mensch beklagt sich, wenn Beethoven immer gleich klingt. Es gibt einen Guten, einen Bösen, eine Verfolgung, ein show down. Es ist völlig überflüssig, andere Western zu machen. Wichtig ist, immer denselben Western noch einmal zu machen, nur jedes Mal ein bißchen besser und anders." Norbert Grob