Sat 1, werktags: "Wer wird die neue Scarlett?

Unsere Epoche hat etwas Vampiristisches. Neues fällt niemandem mehr ein, und so werden die vorhandenen Zeugnisse menschlicher Schöpferkraft bis zum Gehtnichtmehr geplündert, geschröpft und ausgeweidet; plagiiert, variiert und recycelt; umgedeutet, gegen den Strich gelesen und fortgeschrieben. Bis zum Gehtnichtmehr? I wo. Auch wo’s eigentlich nicht mehr geht, findet die vampiristische Phantasie unserer Zeit einen Weg. Ich erinnere an Margaret Mitchells Südstaaten-Epos "Vom Winde verweht".

Die Autorin hatte den Schluß in kluger Absicht offengelassen; ihren Erben reichte der Umsatz mit dem Mega-Seller nicht. Sie wollten auch noch den offenen Schluß in Kasse verwandeln. Also engagierten sie eine Konfektions-Schriftstellerin, die den Roman der seit Jahrzehnten verstorbenen Mitchell als gleichsam posthume Ghostwriterin zu Ende schrieb. Dieses abstoßende Beispiel von Vampirismus hat funktioniert. "Vom Winde verweht" Teil zwei wurde ein Welterfolg. Ein Publikum, das auf solch plumpes Kalkül hereinfällt und sich um den Unterschied zwischen Original und Fälschung einen Dreck schert, hat nichts Besseres verdient.

Das findet auch das amerikanische Fernsehen, welches eine Verfilmung der geklonten zweiten "Scarlett" plant. Und unser Sat 1 hängt sich seinerseits an den amerikanischen Vampir und saugt kräftig mit an den Schlagadern des Mitchellschen Werkes. Wie war das damals bei der Verfilmung des Romans durch David O. Selznick? Jahrelang stand die amerikanische Öffentlichkeit kopf, weil man keine Darstellerin für die weibliche Hauptfigur fand – bis mit Vivien Leigh eine europäische Außenseiterin das Rennen machte. Warum soll man so ein erregendes Match bei der Verfilmung von Teil zwei nicht noch einmal aufführen? Immerhin gehört auch Deutschland zu Europa, und warum soll nicht diesmal ein pfälzisches Model als Scarlett zu Weltruhm gelangen?

Das abendliche Kurzprogramm "Wer wird die neue Scarlett?" in Sat 1, das wechselnde Elevinnen in Schlüsselszenen des "größten Films aller Zeiten" vorstellt – Interieur und Kostüme werden getreulich nachempfunden –, plündert nicht nur Mitchells Roman, den Hollywood-Film und das "Wer-kriegt-die-Rolle"-Fieber der dreißiger Jahre, sondern obendrein die Naivität bundesdeutscher Jungschauspielerinnen, die mit ihren treudoofen Visagen und ihrem kindischen Gestammel unerträgliche Karikaturen liefern auf den Zauber der Vivien Leigh und die Stimmung des Films. Es ist schlimm genug, wenn der Vampir am Kunstwerk saugt und es zur Sekundär- und Tertiär-Verwertung ausschlachtet. Schlimmer ist es, wenn er versucht, sich in das Werk zu verwandeln und mit seiner Stimme zu sprechen. Dann ist Geisterstunde, und die Haare stehen uns zu Berge.

Man könnte das Ganze als harmlosen Quark beiseitewischen, wenn da nicht unsere Epoche wäre mit ihrem akuten Mangel an Respekt vor den vorhandenen Zeugnissen menschlicher Schöpferkraft. Daß ihr selbst nichts mehr einfällt, gibt ihr kein Recht, die Werke verstorbener Künstler über Lektüre, Genuß und Interpretation hinaus zu nutzen, und in immer neuen Variationen für ihren Unterhaltungsmarkt zurechtzumetzeln, bis sie, die Werke, völlig leergesogen sind und ihrerseits zu Vampiren werden.

Unsere Kinder halten Pinocchio und Alice im Wunderland längst für Erfindungen Walt Disneys. Jetzt gerät Scarlett zu einer Figur aus einer Wettbewerbsshow in Sat 1. Der Vampirismus, mit dem wir ihnen zusetzen, mag den Werken im glücklichen Fall nicht allzuviel anhaben. Aber für unsere eigene Zeit ist er ein ungutes Omen. Barbara Sichtermann