Von Elisabeth Wehrmann

Als junges Mädchen erforschte sie den "Zauberberg", verliebte sich in einen gewissen Lodovico Settembrini, schwärmte für den Autor und war fest entschlossen, "einen Mann zu finden, von dem man viel lernen kann".

Damals hieß sie noch Hilde Goldschmidt und besuchte das Gymnasium in Elberfeld. Hildes Mutter war Pianistin, der Vater wurde in den zwanziger Jahren Präsident des "Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens für Rheinland-Westfalen". Im Hause Goldschmidt las man Die Weltbühne, Das Tage-Buch, die Times und Thomas Mann: "Das war Tradition in der Familie. Wenn man zu einem Geburtstag eingeladen war, schenkte man ein Buch von Thomas Mann. Mein Vater sagte immer: ‚Gib Buddenbrooks.‘"

Hilde, 1917 in Prag geboren, wollte nach dem Abitur Jura studieren und so wie der Vater Anwalt werden. Aber vorher kam Hitler an die Macht, und die begabte Schülerin mit den blonden Locken und den blauen Augen müßte nach der Obersekunda die Schule verlassen.

Sie suchte sich einen "Ausweichberuf", lernte Stenographie (in deutsch, englisch und französisch) und Schreibmaschine, arbeitete eine Zeitlang für die "Jüdische Winterhilfe" und traf Heinz Kahn. Die beiden beschlossen, zusammen zu emigrieren. Nach vielen Umwegen, nach Angst und Bangen um Quoten und Visa erreichte das junge Ehepaar Ende 1937 New York.

Zum Gepäck gehörte ein kleiner schwarzer Kasten mit der Reiseschreibmaschine, Marke Continental. Im März 1938, als Hitler in Österreich einmarschierte, fuhren die Kahns durch den Panamakanal. Als sie in Los Angeles ankamen, besaßen sie noch 200 Dollar. Die junge Frau Kahn mußte putzen gehen. Zu Ende des Jahres, als berühmte Flüchtlinge an der Westküste landeten, packte Hilde Kahn die Schreibmaschine aus und tippte als "eine auf Stunden bestellte und bezahlte freie Sekretärin" für den Freud-Schüler Otto Fenichel, für Fritz Lang und Vicki Baum.

1943, sie hatte sich gerade von ihrem Mann getrennt, ging ein Gerücht durch die Emigrantengemeinde, das Hilde Kahn in helle Aufregung versetzte: Thomas Mann suche eine Schreibkraft. Es gab Mitbewerber, aber niemanden, der in mehreren Sprachen tippen und stenographieren konnte.