Von Bernd Loppow

Lufthansa-Chef Jürgen Weber wird kaum danach zumute sein, Anfang September auf sein einjähriges Jubiläum in dieser Position anzustoßen. Um seinen Job beneidet ihn derzeit niemand. Hält der Sturzflug an, steht das Unternehmen vor der Pleite. Mußte Weber für die Bilanz 1991 vor seinen Aktionären schon einen – durch Bilanzkosmetik noch geschönten – Verlust von 444 Millionen Mark vertreten, droht der Lufthansa in diesem Jahr das Desaster: Trotz mehr Passagieren und einem Umsatzzuwachs um 9,1 Prozent auf 7,2 Milliarden Mark im ersten Halbjahr 1992 addieren sich die roten Zahlen im reinen Fluggeschäft bisher auf eine knappe Milliarde Mark. Bis zum Jahresende drohen weitere 500 Millionen Mark Defizit.

Die Lufthansa ist ein Sanierungsfall. Auf den meisten Routen düst der einst so stolze Nationalcarrier weiter in die Miesen. Die durchschnittliche Auslastung der 230 Flugzeuge liegt bei mageren 61 Prozent, sechs Punkte unter der Gewinnschwelle von 67 Prozent. Um den Gang zum Konkursrichter zu vermeiden, muß der Vorstandschef ein drastisches Sanierungsprogramm durchsetzen, das er am 31. August dem Aufsichtsrat präsentiert. Mit dem "Programm 93" sollen je 500 Millionen Mark bei den Personal- und Sachkosten eingespart und die Erträge um eine halbe Milliarde Mark gesteigert werden. Unverzichtbar sind dabei Einschränkungen in den Tarifverträgen und Entlassungen. Jeder fünfte der 52 000 Lufthanseaten, so schätzen die Kostenrechner des Unternehmens, ist zuviel an Bord. Die Personalkosten großer Konkurrenten wie British Airways, American Airlines oder United liegen rund dreißig Prozent unter denen der Lufthansa.

Eine anhaltende, weltweite Konjunkturflaute, die Überkapazitäten im Weltluftverkehr, ein von den amerikanischen Megacarriern angezettelter ruinöser Verdrängungswettbewerb auf den Nordatlantikstrecken, das antiquierte, die Lufthansa benachteiligende Luftverkehrsabkommen mit den Vereinigten Staaten und eine sich verschärfende Dollarschwäche machen der Lufthansa zunehmend das Leben schwer. Zusätzlich belasten die weltweit höchsten Gebühren für Starts und Landungen sowie für die Flugsicherung das Ergebnis. Am Jahresende wird die Lufthansa rund drei Milliarden Mark nur für Gebühren gezahlt haben – rund zwanzig Prozent des Umsatzes.

Eine zu große Flotte

Einige dieser Mißstände beklagt auch die Konkurrenz. Doch die profitable British Airways beispielsweise – 1991 verdiente sie über 800 Millionen Mark – hat bereits in den achtziger Jahren abgespeckt, und das steht der Lufthansa erst noch bevor. Von seinem Amtsvorgänger Heinz Ruhnau hat Weber eine zu große Flotte und ein überdimensioniertes, unrentables Streckennetz übernommen. Galt bei der Kranich-Airline bis vor kurzem die alte Devise Ruhnaus "Wachstum aus eigener Kraft und um jeden Preis", fehlt hierfür nun die finanzielle Potenz.

Für immer vorbei sind die ruhigen Zeiten des Weltluftverkehrs, in denen von der internationalen Luftfahrtbehörde IATA alljährlich neu festgelegte Flugtarife auch Anbietern mit hohen Kosten einträgliche Geschäfte ermöglichten. Weltweit sind die Preise inzwischen ins Rutschen gekommen. Um ihre Kunden nicht zu verlieren, muß die Lufthansa im verlustreichen Preiskampf über dem Atlantik mithalten. Seit Delta Airlines kürzlich die Preise nach Europa um dreißig Prozent senkte, fliegt auch Lufthansa für 448 Dollar von New York nach Frankfurt und zurück – das ist billiger als ein Rückflugticket von Hamburg nach München.