Als der Häftlingsfreikauf mitten im Kalten Krieg begann, muß es munter zugegangen sein bei den deutsch-deutschen Verhandlungen. 1964 tagte, so erinnert sich der Westberliner Rechtsanwalt Reymar von Wedel, eine "Viererbande": "Wir vier, wir waren ein nettes Team, alle ungefähr ein Alter, das war ’ne richtig burschikose Runde. Dann sagte der Jürgen: ‚Wolfgang, tu mal ’nen Kreislauf aus!‘, und der Wolfgang holte den Cognac aus dem Schrank. Da floß immer viel Alkohol, das war drüben offenbar so üblich. Aber für mich war das schlecht, ich vertrage so wenig."

"Wolfgang" heißt mit Nachnamen Vogel und ist jener Ostberliner Rechtsanwalt, der später als "Unterhändler der Menschlichkeit" Karriere machen sollte; ein Mann, der von der politischen Klasse in Deutschland West bis heute hoch geachtet wird, weil sie darauf vertraut, daß Vogel bei seiner schwierigen Gratwanderung als Vertrauter Erich Honeckers und gleichzeitig Anwalt der Unterdrückten stets die Balance gehalten hat.

Der "Jürgen" aus der "Viererbande" heißt mit Nachnamen Stange und war jener Westberliner Rechtsanwalt, der den ersten Geldkoffer zum Bahnhof Friedrichstraße transportierte. Er wurde neben Reymar von Wedel, dem Kirchenanwalt, zum zweiten westlichen Unterhändler.

Auf östlicher Seite war noch Heinz Volpert dabei, ein Mann, der sich zunächst als "Beauftragter der DDR-Regierung" vorstellte und später als Stasi-Offizier offenbarte. Das störte von Wedel nicht sonderlich, weil Volpert sich als "angenehmer Partner" zeigte, "nett, hilfsbereit, immer bemüht, für die Menschen was rauszuholen". So brachte von Wedel dem Stasi-Offizier, weil der ja nicht in den Westen durfte, dies und das mit, einmal sogar Zahngold, was damals in der DDR eine Rarität war.

Einmal die Woche fuhren die beiden West-Anwälte rüber nach Ost-Berlin. Während, vor oder nach dem Alkohol kamen die Häftlinge dran. Von Wedel erinnert sich: "Wenn wir vier beisammenhockten, hatten wir das Gefühl, wir betrieben ein gemeinsames Unternehmen. Da war uns der Staat schnurz, für den wir da saßen. Wir haben die DDR hintergangen, auch der Vogel, und wir haben Sachen gemacht, die gefielen der Bundesregierung nicht."

Vielleicht kennt Reymar von Wedel bis heute nicht das zweite Gesicht seiner damaligen Verhandlungspartner, vielleicht mag er es nicht kennenlernen, gewiß konnte er es damals nicht kennen.

Heinz Volpert, der "nette, hilfsbereite" Mann, war einer der größten Verbrecher, den der Staatssicherheitsdienst hervorgebracht hat. Er trug Verantwortung für die Entführung von Menschen aus dem Westen in den Osten. Und er war die zentrale Figur des Häftlingsfreikaufes im Osten, wahrscheinlich sogar einer der Initiatoren des Verkaufs von Landeskindern.