Der Verkehr droht Sylt zu ersticken. Mehr als eine halbe Million Autos transportiert die Bundesbahn dieses Jahr nach Westerland. Alternativen sind nicht in Sicht.

Die Autos sind die Pest", sagt Heinz-Peter Fritzsche, Bahnhofsvorsteher in Westerland. Täglich zerbricht er sich den Kopf, wie er Tausende von Reisenden und – in Spitzenzeiten – mehr als 4000 Autos am Tag heil durch das Nadelöhr Hindenburgdamm bekommt. Schon am frühen Vormittag haben die Züge tausend Wagen herangekarrt. "Was wir Anfang der Sechziger in einem Jahr transportiert haben, kommt jetzt in einem Monat", sagt Fritzsche, insgesamt rund 100 000 Autos in beide Richtungen.

Dreißig Jahre Dienst haben die doppelstöckigen Autotransporter hinter sich. Zwei Dieselloks ziehen sie scheppernd über den Damm. Eine Lok allein kann die Züge nicht bewältigen. Zwischen März und Oktober reihen sich 600 Meter Wagen aneinander, ein Zug bringt bis zu 200 Autos nach Sylt.

Der Betrieb beginnt morgens um sechs und dauert bis abends um acht, 24mal in jede Richtung, an manchen Tagen bis spät in die Nacht. Die Waggons sind für eine schnelle Be- und Entladung konstruiert, nach zwanzig Minuten sind die Autos vom Zug herunter.

Dann stauen sie sich in der Innenstadt von Westerland, die sich zumindest in dieser Hinsicht von denen Münchens oder Berlins kaum noch unterscheidet. Hält der Autofluß an, ist Westerlands Status als Luftkurort gefährdet.

"Der Damm ist die Hauptschlagader", sagt Ernst Petersen, Vorsitzender des Verbandes Sylter Unternehmer. Der Insel droht der Verkehrskollaps. Auf den 99 Quadratkilometern ballt sich schon jetzt die höchste Verkehrsdichte Deutschlands.

Sylt steckt in einem Rausch touristischer Expansion. Nur wenige denken über die Folgen der Verkehrsflut nach. "Wir brauchen ein durchdachtes Bussystem, die Städte müssen für den Autoverkehr gesperrt werden", sagt Edda Raspé, Mitglied der Grünen im Gemeinderat Sylt-Ost. Die Sylter Verkehrsgesellschaft, ein kleines Privatunternehmen, ist mit ihren wenigen Linien keine Alternative für Autofahrer. Viele Sylter wünschen sich die Schmalspurbahn zurück, die 1972 eingestellt wurde. Doch die alte Trasse ist heute mit Radwegen und Häusern bebaut.

Der Verband Sylter Unternehmer würde den zweigleisigen Hindenburgdamm am liebsten durch eine Einbahnstraße ergänzen, "damit man jederzeit von der Insel herunterfahren kann", wie Ernst Petersen sagt. Die Bundesbahn solle dann Mautgebühren für die Straße kassieren. Wohin dieser Weg auch führt, wissen allerdings auch die Geschäftsleute. "Bauen wir eine Fahrbahn", sagt Petersen, "ist die zweite nicht mehr weit." Olaf Preuß