Von Otto Köhler

Am 2. August 1492: Auf Befehl des katholischen, spanischen Königspaares Ferdinand und Isabella müssen alle Juden, die sich nicht taufen ließen, das Land verlassen.

2. August 1992. Im schleswig-holsteinischen Rendsburg beginnt die Ausstellung "Mein Vater war portugiesischer Jude" als kleines Gegengewicht auch zu den bevorstehenden großen Feiern der sogenannten Entdeckung Amerikas, zu der Christopher Kolumbus am 3. August 1492 aufbrach unter dem Patronat desselben Königspaares, das soeben die Juden vertrieben hatte.

Eine kleine Notiz in der ZEIT vom 2. März 1990, daß "Heines Mutter spanisch-jüdischer Abstammung" war, hatte die Lübecker Historikerin Sabine Kruse bei ihren Nachforschungen zu einer "Reihe von verblüffenden Entdeckungen" über die Sephardim, die Juden aus Spanien und Portugal, gebracht. Zusammen mit Bernt Engelmann ("Deutschland ohne Juden", 1979), einem Urenkel des Verlegers Leopold Ullstein, in dessen Stammbaum sich viele sephardische Ärzte und Wissenschaftler finden, machte sie sich an das Projekt der Ausstellung.

Bis zu ihrer Vertreibung durch die katholischen Majestäten konnten die Juden unter maurischer Herrschaft fast achthundert Jahre in Frieden und Toleranz mit Moslems und Christen zusammenleben. Der wissenschaftliche und kulturelle Austausch mit den Arabern führte in kürzester Zeit zu einer "für uns heute unvorstellbaren kulturellen Blüte". Jüdische Ärzte, Wissenschaftler und Finanziers als Dolmetscher zwischen Morgen- und Abendland brachten den noch unterentwickelten Christen ersten Zugang zu den kulturellen Zentren der damaligen Zeit. Allein die Einführung arabischer Ziffern in Nordeuropa war ein ungeheurer zivilisatorischer Fortschritt. Kruse: "Haben Sie einmal versucht, römische Ziffern zu addieren?" Die Neuerung revolutionierte die gesamte Verwaltung. Nicht zu reden von der Medizin. Die wissenschaftlich ausgebildeten morgenländischen Ärzte waren den abendländischen Quacksalbern weit überlegen, die hervorragend ausgestatteten Krankenhäuser etwa im maurischen Toledo ließen sich mit den jämmerlichen Asylen Nordeuropas und ihren lebensgefährlichen hygienischen Verhältnissen nicht vergleichen.

Doch mit der christlichen Reconquista, die 1492 mit der Vertreibung der Juden und Mauren vollendet wurde, mit den Scheiterhaufen der Inquisition, wurde diese hohe Kultur vernichtet. Spanien verfiel unter den Christen, wurde zum Hort von Intoleranz und Dogmatismus.

Sabine Kruse stellte in ihrem Einführungsvortrag das kraß entgegengesetzte Kulturverständnis von Christen einerseits und Moslems wie auch Juden gegenüber. Paulus: "Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt für Torheit erklärt? Es stehet geschrieben: Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen ..." Der Koran: "Allah sprach: ‚Suche Wissen von der Wiege bis zum Grabe, wer nach Wissen strebt, betet Gott an.’" Die Deutschen haben von den aus Spanien und später auch aus Portugal vertriebenen Juden profitiert. Die brachten eine hochentwickelte Kultur ins damals noch reichlich unterentwickelte christliche Norddeutschland mit. Doch davon steht bis heute nichts in deutschen Schulbüchern.