Auch mit den Historikern hat es eine eigene, wenn auch nicht untypische Bewandtnis. Die einzige umfangreiche Arbeit aus neuerer Zeit über die nach Deutschland ausgewanderten Sephardim, ist die 1958 auf Empfehlung der damals noch nicht so bekannten philosophischen Fakultät der Universität Würzburg gedruckte Habilitation von Hermann Kellenbenz "Sephardim an der unteren Elbe". Gerade erst, im März 1992, im Katalog der Ausstellung "Vierhundert Jahre Juden in Hamburg", tauchte Kellenbenz als unverdächtiger Gewährsmann auf. Doch die Würzburger Fakultät hatte einen Barbaren zum Professor habilitiert. Kellenbenz hatte, wie Engelmann berichtet, im April 1945 tagelang das ihm zur Verfügung stehende umfangreiche Akten- und Archivmaterial verbrannt und damit unersetzliche Dokumente der Wissenschaft für immer entzogen. Der junge Wirtschaftshistoriker Kellenbenz war 1939 vom "Reichsinstitut für die Geschichte des neuen Deutschland" des fanatischen Judenhassers Walter Frank damit beauftragt, "Das Hamburger Finanzjudentum und seine Kreise" zu erforschen, Das einzige, was Kellenbenz 1945 nicht vernichtete, war seine eigene Arbeit. Er schrieb sie um. entnazifizierte sie oberflächlich, um sich so zu habilitieren – mit Erfolg.

Kellenbenz grenzt das Thema auf das rein Wirtschaftliche ein. Doch wichtiger noch war der kulturelle Anstoß, der von den Sepharden ausging. "Mein Vater war portugiesischer Jude, dessen Großvater mit vielen seiner Glaubensgenossen aus Portugal fliehen mußte, um nicht in die Hände der Inquisition zu geraten." Das schrieb die 1764 geborene Henriette Herz, eine gebürtige de Lemos, die Begründerin der frühromantischen Berliner Salonkultur. Bei ihr trafen sich Kleist, Börne, Heine, Schleiermacher, Fichte und die Brüder Humboldt. Ihr Mann, der Arztphilosoph und Schriftsteller Marcus Herz, ein Lieblingsschüler Kants, hatte von 1778 an in seinem Berliner Haus – eine Universität gab es noch nicht – Vorlesungen veranstaltet, die vor allem der Verbreitung der Ideen des damals noch wenig bekannten Königsberger Philosophen dienten. Marcus Herz war ebenso sephardischer Herkunft wie Heinrich Heine von seiner mütterlichen Familie, den van Geldern, her.

Sephardischer Herkunft war der eigentliche Vorkämpfer der demokratischen Bewegung in Deutschland, Johann Jacoby, der heute noch in der "Brockhaus-Enzyklopädie" als "Fanatiker der demokrat. Bestrebungen" geschmäht wird. "Das ist immer das Unglück der Könige gewesen, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen ", erklärte Jacoby 1848 Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, als der sich weigerte, die Vorstellungen der Volksvertreter anzuhören.

Rosa Luxemburg führte Jacobys Kampf für die Demokratie und gegen den Krieg 1914 fort – auch ihre Vorfahren waren Sephardim, die mütterliche Linie – Rabbiner, Arztphilosophen und Übersetzer – läßt sich über siebzehn Generationen bis zum Rabbi Zerachiah ben Isaak zurückverfolgen.

Leopold Ullstein begann 1871 dort seine Laufbahn, wo die der großen Verleger heute endet: als Papiergroßhändler. 1877 übernahm er die eben gegründete Berliner Zeitung und legte damit den Grundstein für das große Verlagshaus. Das Haus wurde Ullstein 1934 von den Nazis "arisiert" und mußte den Namen Deutscher Verlag führen. Nach dem Krieg bekam die Familie Ullstein ihren Verlag zurück, doch 1960 kaufte Axel Springer den Verlag auf, behielt zwar den Namen bei, machte aber aus dem Unternehmen wieder einen durch und durch deutschen Verlag. Einer der zeitgeschichtlichen Starautoren wurde bald nach der Übernahme Paul Carell, der in Wirklichkeit Paul Karl Schmidt heißt und als Pressesprecher von Ribbentrops Auswärtigem Amt mörderischen Antisemitismus verkündet hatte; der nun 80jährige ehemalige SD-Mann mit dem SS-Ehrendegen wird im Herbst ein Ullstein-Buch veröffentlichen, in dem er aus dem neuesten Stand seiner Forschung nachweist, daß Hitlers Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und ihre Juden "eindeutig als deutscher Präventivschlag bewertet werden muß".

Diesen Mißbrauch des ehemals jüdischen Verlags kann man allerdings in Rendsburg besichtigen, hier wird die gute alte Tradition des Hauses Ullstein hochgehalten. In der Vitrine liegt die Erstausgabe von Remarques Antikriegsroman "Im Westen nichts Neues", der in der Weimarer Republik zu ähnlichen Bestsellerehren kam, wie in unserem Staat die Landser-Schinken des jung gebliebenen NS-Propagandisten.

Die Aussteller konnten froh sein, wenn ihnen Leihgaben zur Verfügung gestellt wurden. Die Warburg-Bank scheint sich allein dadurch übernommen zu haben. Eine Woche vor Eröffnung der Ausstellung erfuhr Bernt Engelmann, der im Katalog ein einfühlsames Kapitel über den 1946 verstorbenen Bankier Max M. Warburg und die welberühmte Bibliothek des Bruders, Aby Warburg, geschrieben hat, daß die heutige Warburg-Bank die Druckkosten für den Katalog doch nicht übernehmen könne. Sie hatte sich schon mit den Versandkosten für die Leihgaben völlig verausgabt.