Von Dirk Kurbjuweit

Der Mond ist eine Sichel, und schon wieder rollen die Panzer heran. Lange bevor sie um die Ecke gebogen sind, hört man das Rasseln der Ketten. Die beiden Jungs, die eben noch Grimassen schnitten, um den Fremden zum Kauf ihrer Zigaretten zu bewegen, werden plötzlich ernst. Im Restaurant Kadooglu senken die Männer ihre Stimmen. Der erste Panzer kriecht über den Platz, das gleißende Licht seines Suchscheinwerfers tastet sich die Hauswände entlang. Ein zweiter Panzer schließt auf. In der Mitte des Platzes bleiben sie stehen. Die Diesel wummern im Leerlauf, fünf Minuten, dann zieht die Patrouille ab. Verstohlen feixen die Jungen den Panzern hinterher, bevor sie erneut ihre Zigaretten anbieten.

Der Mond ist eine Sichel, nicht nur am Himmel über Cizre. Auch in der türkischen Fahne. Cizre liegt in der Türkei, in Südostanatolien, dort wo die Kurden leben. Wenn hier Halbmond ist, dann wird die Natur zum Symbol für Politik: Kurdistan unter türkischer Sichel.

Aber es gibt kein Kurdistan. Als das Wort fiel, gleich zu Beginn der Reise in Istanbul, war zum Glück der nette Wirtschaftsprofessor Erdogan Alkin Gesprächspartner. Ein Türke zwar, aber nicht verbissen in dieser Angelegenheit, erteilte er einen milden Verweis: "Sagen Sie nie ‚Kurdistan‘ in der Türkei. Offiziell gibt es das nicht, und Sie könnten Ärger kriegen."

Und doch gibt es Kurdistan; für die Anwältin Hüsniye Ölmez ganz bestimmt. Sie lebt in Diyarbakir, nicht weit von Cizre. Hier sind vor allem Kurden zu Hause, genau wie in den benachbarten Provinzen in Syrien, im Iran und im Irak. Für Hüsniye Ölmez ist das Kurdistan.

Eigentlich sollte sie, ein führendes Mitglied der Kurdenpartei Hep, über Wirtschaft reden, aber das fällt ihr nicht ein. Lieber erzählt sie vom Kampf ihres Volkes um Souveränität, von der Unterdrückung durch die Türken und von den hundert Toten beim Newroz-Fest Ende März. Natürlich bewegt das eine Kurdin viel mehr. Aber als sie die Gründe für den Zorn der Kurden erläutert, spricht sie auch Wirtschaftsfragen an:

"Die Türken haben uns kolonialisiert. Sie holen die Rohstoffe aus Kurdistan, verdienen damit Devisen, und wir haben nichts davon. Wir bleiben arm."