ZEIT: Herr Murmann, zwei Jahre nach der Vereinigung steckt die deutsche Politik in einer gesellschaftlichen, ökonomischen und sozialen Sackgasse. Was sollten die Tarifparteien tun, um aus dieser Sackgasse herauszukommen?

Murmann: Wir befinden uns nicht in einer Sackgasse. Aber wir brauchen neue Weichenstellungen, und da sind auch die Tarifpartner gefordert. Sie müssen die neuen ökonomischen Sachverhalte im Osten analysieren und von den vereinbarten Revisionsklauseln in den Tarifverträgen Gebrauch machen, die eine zeitliche Streckung der Lohnangleichung ermöglichen. Dies liegt im Sinne eines Beschäftigtenaufbaus im Osten. Wenn die Tarifparteien sich nicht einigen können, steht der Gesetzgeber vor der Frage, von sich aus zu handeln.

ZEIT: Sie haben erst vor wenigen Wochen in der ZEIT den Bundeskanzler aufgefordert, einen kleinen Gesprächskreis zwischen Regierung und Tarifparteien einzuberufen, um so gemeinsam Lösungen für die Probleme in Ostdeutschland zu finden. Jetzt reihen Sie sich in den Chor derjenigen ein, die eine Rückkehr zur Vierzig-Stunden-Woche fordern. Glauben Sie, daß so die Gesprächsbereitschaft Ihres Tarifpartners gefördert wird?

Murmann: Es gibt Signale vom Bundeskanzler sowohl an die Gewerkschaften als auch an die Arbeitgeberverbände. Ich denke, es wird im Herbst solche Gespräche geben. Im übrigen habe ich nicht eine generelle Rückkehr zur Vierzig-Stunden-Woche, sondern mehr Flexibilität in den Arbeitszeitregelungen gefordert. Und das auf freiwilliger Basis. Denn es kann auch für einen Arbeitnehmer günstiger sein, mehr Wochenstunden zu arbeiten.

ZEIT: Im Metallbereich gibt es schon einen Tarifvertrag, der achtzehn Prozent der Belegschaft in den Betrieben erlaubt, länger zu arbeiten. Allerdings wird der längst nicht überall ausgefüllt.

Murmann: Ich betone noch mal: Ich will die geltenden Tarifverträge mit kürzeren Wochenarbeitszeiten nicht außer Kraft setzen. Aber den Unternehmen sollte es möglich sein, die Flexibilitätsspielräume auszuweiten, zum Beispiel indem statt der Wochenarbeitszeit künftig Jahresarbeitszeiten vereinbart werden.

ZEIT: Wollen Sie mit solchen Vorschlägen die Flucht aus den Unternehmerverbänden stoppen?