Von Sabina Leichs

Durch die Flure deutscher Hochschulen hallt nur noch ein Wort: Reformen! Weil Seminarteilnehmerzahlen von 100 bis 200 Studenten keine Seltenheit mehr sind und die Durchhaltefähigkeit vieler Lernenden abnimmt, schwillt der Chor der Politiker, Professoren und Studenten, die auf Abhilfe drängen, immer mehr an. Im Wintersemester 1990/91 studierten fast 1,8 Millionen Studenten an 302 gesamtdeutschen Hochschulen. Allein in Berlin waren in diesem Zeitraum 140 119 Studierwillige in Ost und West immatrikuliert. Doch ein Großteil der Elite der Nation verläßt die Alma mater ohne Studienabschluß auf Nimmerwiedersehen.

"Die Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin war 1979 eine Zwischenlösung für mich", berichtet Brigitte Ringelmann. "Wirtschaft interessierte mich nicht so sehr." Mit ihrem Fachabitur durfte sie damals nach vier Semestern Fachhochschulstudium an die Universität wechseln. Ihr Ziel Politologie entpuppte sich nach ein paar Kursen als falsch gewählt. Die Folge: Abbruch und berufliche Neuorientierung. Fortan verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Übersetzerin.

Virulent ist dieses Phänomen Studienabbruch nicht erst in den Massenuniversitäten der achtziger und neunziger Jahre geworden. Eine Arbeitsgruppe des Deutschen Instituts für Internationale pädagogische Forschung in Frankfurt am Main hat schon in den siebziger Jahren Bildungslebensläufe verfolgt und dem Problem des Studienabbruchs nachgespürt. Abbrecher kennzeichnet vor allem das Gefühl von "Mißerfolgserlebnissen, Unzufriedenheit und Desorientierung" an der Universität. Individuelle Erwartungen an den Studiengang und an die Atmosphäre der Hochschule werden enttäuscht. Während des Studiums haben sich vielleicht die Berufschancen in dem Fachgebiet verschlechtert, aber auch die mangelnden Informationen über die Organisation des Studiums werden von den Befragten als Gründe für ihren Abbruch angegeben.

Martin Engelbrecht brach sein erstes Studium in München ab, "weil mir die Bundeswehr im Nacken saß und ich nach Berlin ging. Den zweiten Versuch an der Freien Universität Berlin mit Philologie habe ich auch schnell aufgegeben. Auslöser für diesen Abbruch war die offizielle Erhöhung der Teilnehmerzahlen in den Seminaren von fünfzig auf hundert. Dazu kam der fehlende Kontakt zu den Dozenten. Da war für mich der Ofen aus."

Unter volkswirtschaftlichen Aspekten betrachtet, scheinen die Studienabbrecher unnötige Kosten zu verursachen. Sie blockieren Studienplätze, auf die liebend gerne andere schlüpfen würden, aber die von ihnen in Anspruch genommenen finanziellen Mittel sind nicht – wie viele denken – verloren. Die in der akademischen Ausbildung erlernten Fähigkeiten können in den neuen Beruf einfließen. Professor Helmut Gabriel vom Fachbereich Physik der Freien Universität (FU) Berlin kann dem Entschluß aufzuhören deshalb auch etwas Positives abgewinnen. "Besser ein Student bricht ab, als daß wir Einführungskurse in Mathematik anbieten müssen. Ein Abbruch ist eine gesunde Reaktion; keiner weiß zu Anfang seines Studiums, ob er den Anforderungen gewachsen ist, die das Fach an ihn stellt." Trotzdem hängt den Abtrünnigen das Stigma der indirekten Geldverschwendung an. Immer noch erntet ein Student mit geradlinigem Ausbildungsverlauf und anschließender Karriere mehr Anerkennung, weil er sich besser an die gesellschaftlichen Norm Vorstellungen anpaßt.

Im Auftrag des Bundesbildungsministeriums hat das "HIS" jetzt Zahlen vorgelegt, die Auskunft über die Studienabbrecherquote der vergangenen Jahre für alle Hochschularten in Deutschland geben. Etwa jeder vierte Studierende eines Jahrgangs verzichtete auf sein Abschlußexamen und verließ die Hochschule vorzeitig. Die Tendenz zum Abbruch nahm in den letzten zehn Jahren zu, stellt das "HIS" fest. "Von den Studienanfängern des Studienjahres 1979 haben bis zu 35 500 Immatrikulierte und von den Studienanfängern von 1984 haben bis zu 59 000 ihr Studium ohne Abschlußexamen aufgegeben." Die Abbrecherquoten, die im gesamtdeutschen Durchschnitt 25 Prozent betragen, lassen sich nach Hochschulart, Fächern und Geschlecht unterscheiden.