Von Fritz Vorholz

Verlogener geht es nicht: "Geregelt und gut organisiert" sei die Abfallentsorgung in Deutschland, ließ die Bonner Regierung selbstgefällig noch vor wenigen Monaten verlauten; gleichzeitig fanden riesige Mengen Dreck schnurstracks ihren Weg aus deutschen Mülltonnen auf die Kippen der Nachbarländer. "Neokolonialismus in schlimmster Form" brandmarkte Umweltminister Klaus Töpfer den Abfalltourismus in die Länder der Dritten Welt; wohl wissend, daß deutsche Umweltgesetze es erlauben, zum Wirtschaftsgut umgetauften Abfall nach Ägypten oder Rumänien auf die Reise zu schicken – amtlich beglaubigt. Eine "Pilotfunktion" habe das Duale System, behauptete Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann vollmundig, als er den grünen Punkt, der neuerdings die Wegwerfpackungen in den Geschäften ziert, geradezu als Meilenstein auf dem Weg nach Okotopia stilisierte. In der vergangenen Woche mußten Millionen Verbraucher erfahren, daß der auf ihre Kosten eingesammelte Plastikmüll nicht etwa verwertet, sondern teilweise einfach im Ausland verscharrt wird – übrigens nicht einmal im Gegensatz zum Wortlaut der Verpackungsverordnung.

Obwohl die Abfallparagraphen viel erlauben, ist Unrecht, was in der vergangenen Woche aufflog. Erstens wurde deutscher Hausabfall, der nach Frankreich exportiert werden sollte, mit ekelerregenden Überresten aus Krankenhäusern versetzt, obwohl dafür keine Genehmigung vorlag. Das war Gesetzesbruch. Zweitens haben die Gewährsmänner des Dualen Systems Plastikabfälle in Kiesgruben vergraben, statt wie versprochen in Recyclingfabriken daraus Gerätschaften für die Austernzucht und für den Weinbau zu fabrizieren. Das war Vertragsbruch.

Die Schlampereien hatten Folgen: Die Pariser Regierung machte die Grenze für den Müllhandel dicht. Und das ohnehin umstrittene Duale System schlitterte in eine schwere Krise. Nun rückt hierzulande der schon lange beschworene Abfallinfarkt in greifbare Nähe – und als ob sie von den eigenen Versäumnissen ablenken wollten, dreschen Politiker und Manager öffentlichkeitswirksam auf "Müllschieber" und "Umweltkriminelle" ein. Doch dieses kollektive Aufheulen ist allzu vordergründig. Zwar machen Kriminelle gepfefferte Profite mit dem Müll. Doch gäbe es sie nicht – die Wohlstandsgesellschaft wäre dem Offenbarungseid nicht weniger fern.

Tatsächlich stößt die auf Wachstum programmierte Wirtschaftsmaschinerie an die Grenzen ihrer Funktionsfähigkeit und ihrer Glaubwürdigkeit: Der Produktionsapparat besorgt auf High-Tech-Niveau den Nachschub für eine permanente Konsumorgie. Die Haushalte sind dabei längst zu Zwischenlagern für Produkte geworden, die sich oft auch noch als überflüssig erweisen. Doch daß die glitzernde Güterflut nur eine kurze Episode bei der Umwandlung von Rohstoffen zu Abfällen ist, wird souverän verdrängt. Kulturgeschichtlich ist diese Verdrängungsleistung zwar kein neues Phänomen! Auch die Jäger- und Sammlervölker kümmerten sich nicht besonders um die Hinterlassenschaften ihres Daseins. Doch während die Menschen sich heute im Gegensatz zu den Neandertalern als zivilisiert betrachten, wurden noch nie so große Stoffmengen mit so gefährlichen Ingredienzen in so kurzer Zeit in Abfall verwandelt. Deshalb ist jetzt eine Kulturrevolution fällig: Die hochentwickelte Produktionstechnologie muß durch eine Abfalltechnologie ergänzt werden.

Was aber ist bisher geschehen? Die Abfallpolitiker haben die technischen Anforderungen an Deponien und Verbrennungsöfen perfektioniert und sind dabei, den allseits ungeliebten Abfallanlagen einen hübschen Namen zu verpassen: Entsorgungsparks. Solche Kosmetik hat freilich nur zweierlei bewirkt: ein Kosten- und ein Kapazitätsproblem. Weil die Müllbeseitigung hierzulande teurer ist als anderswo, drängt der Müll mit Macht ins Ausland. Und weil die Politiker nicht konsequent genug gegen die Abfallentstehung kämpfen, können neue Müllöfen mangels Akzeptanz in der Bevölkerung nicht hochgezogen werden: Die schlichte Abfallbeseitigungspolitik ist restlos am Ende.

Obwohl gerade die Industrie von dem Notstand existentiell betroffen ist – schließlich droht die Produktion von hinten verstopft zu werden –, sind nun die Wirtschaftssprecher mit der Beteuerung zur Stelle, die Unternehmen setzten schon seit langem auf Abfallvermeidung. Auf diese Behauptung trifft freilich zu, was dem amerikanischen Amt für Technikfolgenabschätzung bereits vor Jahren auffiel: "Abfallvermeidung hatte schon immer einen hohen theoretischen Stellenwert, aber diese Priorität wurde nie durch industrieweite Taten deutlich gemacht."